Kernaussagen
– Es ist unklar, ob sich die Behandlung von Menschen mit Opioidabhängigkeit in der Primärversorgung im Vergleich zu spezialisierten Suchteinrichtungen darin unterscheidet, wie lange sie im Behandlungsprogramm bleiben oder ob schwerwiegende unerwünschte Wirkungen auftreten. Die Primärversorgung führt möglicherweise eher dazu, dass am Ende der Behandlung nur verschriebene Opioide konsumiert werden.
– Die Vertrauenswürdigkeit dieser Ergebnisse ist gering oder sehr gering, vor allem weil die teilnehmenden Zentren der Primärversorgung und die opioidabhängigen Patient*innen eher untypisch waren, was eine Verallgemeinerung unserer Ergebnisse auf die meisten Einrichtungen der Primärversorgung und die meisten Menschen mit Opioidabhängigkeit schwierig macht.
Was ist eine Opioidabhängigkeit?
Einige Opioide werden als Schmerzmittel verschrieben, zum Beispiel Morphin, Oxycodon und Hydromorphon. Andere, wie Heroin und Fentanyl, werden auch illegal hergestellt und konsumiert. Fentanyl ist allerdings auch als verschreibungspflichtiges Medikament verfügbar. Bei einer Opioidabhängigkeit konsumieren Menschen wiederholt Opioide in einer Weise, die ihnen selbst oder anderen schaden kann. Häufige Anzeichen sind ein starkes Verlangen nach Opioiden und Entzugserscheinungen. Dazu gehören zum Beispiel Angst, Schweißausbrüche, Muskelschmerzen, Schlafprobleme, Übelkeit, Bauchschmerzen und depressive Verstimmungen.
Wie wird eine Opioidabhängigkeit behandelt?
Eine Opioidabhängigkeit wird in der Regel in spezialisierten Suchtkliniken behandelt, in denen oft mehrere Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Dies kann eine „Entgiftung“ (Unterstützung beim Entzug des Medikaments), Beratung und Hilfsleistungen (z. B. Unterstützung bei Wohnungs-, Beschäftigungs- oder Rechtsfragen) umfassen. Die wichtigste Behandlung ist jedoch eine medikamentöse Therapie. Meist werden langwirksame Opioide eingesetzt. Einige wirken an den Rezeptoren im Körper wie andere Opioide und lösen dort eine ähnliche Wirkung aus, zum Beispiel Methadon. Andere besetzen diese Rezeptoren zwar ebenfalls, aktivieren sie aber nur teilweise und wirken deshalb weniger stark, zum Beispiel Buprenorphin. Wenn zu diesem Zweck langwirksame Opioide verschrieben werden, spricht man von einer Opioidsubstitution.
Was wollten wir herausfinden?
Wir wollten herausfinden, ob eine Opioidsubstitution in der Primärversorgung ähnliche oder bessere Ergebnisse erzielt als in einer spezialisierten Suchteinrichtung. Insbesondere wollten wir Unterschiede bei den folgenden Punkten ermitteln:
– die Fortsetzung der Behandlung („Therapietreue");
– kein zusätzlicher Opioidkonsum außerhalb der Substitution;
– das Auftreten schwerwiegender unerwünschter Wirkungen, zum Beispiel ein vorzeitiger Tod oder ein Krankenhausaufenthalt;
– Abbruch der Studienteilnahme aufgrund unerwünschter Wirkungen;
– Verbesserung der Lebensqualität;
– erhöhte Patientenzufriedenheit;
– vorzeitiger Tod jeglicher Ursache;
– vorzeitiger, Opioid-bedingter Tod (z. B. durch eine Überdosis);
– Krankenhauseinweisung oder Einlieferung in die Notaufnahme aus irgendeinem Grund;
– Inhaftierung aus irgendeinem Grund (Gefängnisstrafe oder Untersuchungshaft);
– leichtere unerwünschte Wirkungen (z. B. Entzugssymptome).
Warum könnte die Behandlung in der Primärversorgung von Vorteil sein?
Einrichtungen der Primärversorgung sind meist wohnortnah und damit leichter erreichbar. Die Behandlung in der Primärversorgung könnte weniger stigmatisierend sein. Regelmäßige Besuche in einer Einrichtung der Primärversorgung könnten außerdem mehr Gelegenheiten bieten, auch andere gesundheitliche Probleme zu besprechen und zu behandeln, die nicht mit der Opioidabhängigkeit zusammenhängen.
Wie gingen wir vor?
Wir suchten nach Studien, in denen eine Opioidsubstitution in der Primärversorgung mit einer Opioidsubstitution in einer auf Suchterkrankungen spezialisierten Einrichtung verglichen wurde. Wir haben die methodische Qualität der Studien bewertet und ihre Ergebnisse zusammengefasst.
Was fanden wir heraus?
Wir fanden sieben Studien mit 1952 Erwachsenen mit Opioidabhängigkeit, die entweder in einer Einrichtung der Primärversorgung oder in einer spezialisierten Suchteinrichtung behandelt wurden. Fünf Studien fanden in den USA, eine in Frankreich und eine in der Ukraine statt. Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden lag bei 38 Jahren und drei von vier Teilnehmenden waren Männer. Die Studien schlossen Menschen mit einem „hohen Risiko“ aus, zum Beispiel Schwangere, obdachlose Menschen, Menschen mit Alkoholabhängigkeit oder mit anderen psychischen Erkrankungen.
Es ist unklar, ob sich die beiden Gruppen darin unterschieden, wie lange die Teilnehmenden im Behandlungsprogramm blieben (7 Studien, 1952 Personen). Menschen in der Primärversorgung verzichteten möglicherweise eher auf nicht verschriebene Opioide als Menschen in spezialisierten Suchteinrichtungen (5 Studien, 428 Personen). Ob es Unterschiede bei schwerwiegenden unerwünschten Wirkungen gab, ist unklar (1 Studie, 93 Personen).
Personen in der Primärversorgung sind möglicherweise zufriedener mit ihrer Behandlung als diejenigen, die in einer spezialisierten Suchteinrichtungen behandelt werden. Es gab allerdings keine eindeutigen Unterschiede in Bezug auf Lebensqualität, vorzeitigen Tod jeglicher Ursache und leichteren unerwünschten Wirkungen. Zu den anderen Punkten, die uns interessierten, gab es keine Informationen.
Was schränkt die Aussagekraft der Evidenz ein?
Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz ist insgesamt gering, vor allem weil die betroffenen Menschen und die Einrichtungen der Primärversorgung eher untypisch waren. Die eingeschlossenen Personen hatten eher ein geringeres Risiko und waren stabiler als viele Menschen mit Opioidabhängigkeit im Versorgungsalltag. Außerdem hatten die Einrichtungen der Primärversorgung oft schon Erfahrung mit dieser Behandlung oder Zugang zu spezialisierten Fachkliniken – das ist nicht überall so. Es ist unklar, ob sich diese Ergebnisse auf die meisten Menschen mit Opioidabhängigkeit übertragen lassen, da manche von ihnen weniger stabil sind oder ein höheres Risiko haben. Auch ist unklar, ob die Ergebnisse für die meisten Ärztinnen und Ärzte in der Primärversorgung gelten, da viele nur wenig oder keine Erfahrung in der Behandlung von Opioidabhängigkeit haben.
Wie aktuell ist die vorliegende Evidenz?
Die Evidenz ist auf dem Stand von 7. März 2025.
Übersetzende der Universität Heidelberg, B. Schindler, freigegeben durch Cochrane Deutschland