Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer bei vorzeitigem Samenerguss (Ejaculatio praecox) bei erwachsenen Männern

Schlussfolgerungen der Autoren: 

Eine SSRI-Therapie bei Ejaculatio praecox scheint, verglichen mit einem Placebo, eine Reihe von direkt patientenrelevanten Endpunkten wie die Verbesserung der Symptome, die Zufriedenheit beim Geschlechtsverkehr und die wahrgenommenen Kontrolle über die Ejakulation erheblich zu verbessern. Unerwünschte Wirkungen sind eine leicht erhöhte Rate von Therapieabbrüchen aufgrund von unerwünschten Ereignissen sowie eine bedeutsam erhöhte Rate von unerwünschten Ereignissen. Problematisch für die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz waren Beschränkungen der Studien und eine unzureichende Genauigkeit der Ergebnisse

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Hintergrund: 

Eine Ejaculatio praecox (EP; ein vorzeitiger Samenerguss) ist ein häufiges Problem unter Männern, das darin besteht, dass der Samenerguss während des Geschlechtsverkehrs früher auftritt, als der Mann oder die Partnerin/der Partner dies wünscht. Dies kann zu Unzufriedenheit und Beziehungsproblemen führen. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), die am häufigsten zur Behandlung von Depressionen verwendet werden, werden auch zur Behandlung der EP verwendet.

Zielsetzungen: 

Ziel des Reviews war die Bewertung der Wirksamkeit von SSRI zur Therapie der EP bei erwachsenen Männern.

Suchstrategie: 

Wir führten eine systematische Literaturrecherche bis 1. Mai 2020 in verschiedenen Datenbanken (Cochrane Library, MEDLINE, Embase, Scopus, CINAHL), Studienregistern, Kongressberichten und weiteren Quellen grauer Literatur durch. Wir wandten keine Einschränkungen bezüglich der Sprache oder des Veröffentlichungsstatus an.

Auswahlkriterien: 

Wir schlossen nur randomisierte kontrollierte klinische Studien (Parallelgruppen- und Cross-Over-Studien) ein, in denen Männer mit vorzeitigem Samenerguss einen SSRI oder ein Placebo als Therapie erhielten. Wir berücksichtigten auch „keine Therapie“ als geeigneten Vergleich, konnten jedoch hierzu keine Studien finden.

Datensammlung und ‐analyse: 

Zwei Autoren des Reviews werteten die Daten der eingeschlossenen Studien unabhängig voneinander aus. Primäre Endpunkte waren die von den Studienteilnehmenden wahrgenommene Veränderung unter der Therapie, die Zufriedenheit mit dem Geschlechtsakt und der Studienabbruch aufgrund unerwünschter Wirkungen. Die sekundären Endpunkte waren die selbst wahrgenommene Kontrolle über die Ejakulation, der durch die EP hervorgerufene Leidensdruck, unerwünschte Wirkungen im Allgemeinen sowie die Latenzzeit bis zur intravaginalen Ejakulation (intravaginal ejaculatory latency time, IELT). Die statistische Analyse erfolgte mit einem Random Effects-Modell. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz wurde nach dem „GRADE“-Ansatz bewertet.

Hauptergebnisse: 

Insgesamt wurden 31 Studien mit 8254 Teilnehmenden ermittelt, die entweder einer SSRI-Behandlung oder einer Placebo-Behandlung zugeteilt wurden.

Primäre Endpunkte: Eine SSRI-Therapie verbessert, verglichen mit einer Placebo-Behandlung, wahrscheinlich die persönlich wahrgenommene EP-Symptomatik (definiert als eine Bewertung „besser“ oder „viel besser“) (Relatives Risiko (RR) 1,92; 95% Konfidenzintervall (KI) 1,66 bis 2,23; moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Auf der Grundlage von 220 pro 1000 Teilnehmenden, die eine Verbesserung unter einem Placebo berichteten, zeigten unter SSRI-Einnahme 202 mehr Männer pro 1000 (95% KI 145 bis 270 mehr) eine verbesserte Symptomatik.

Die Behandlung mit SSRI verbessert im Vergleich zu Placebo wahrscheinlich die Zufriedenheit mit dem Geschlechtsverkehr (definiert als „gut“ oder „sehr gut“; RR 1,63; 95% KI 1,42 bis 1,87; moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Verglichen mit 278 von 1000 Teilnehmenden in der Placebo-Gruppe, die eine Verbesserung der Symptome berichteten, zeigten unter SSRI-Einnahme 175 pro 1000 Männer mehr (117 bis 242 mehr) eine größere Zufriedenheit mit dem Geschlechtsverkehr.

Die Behandlung mit SSRI führt im Vergleich zur Placebo-Gruppe möglicherweise zu mehr Behandlungsabbrüchen aufgrund von Nebenwirkungen (RR 3,80; 95% KI 2,61 bis 5,51; niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Auf der Grundlage von 11 Therapieabbrüchen pro 1000 Teilnehmenden mit Placebo-Behandlung entspricht dies unter Einnahme von SSRI, bezogen auf 1000 Teilnehmende, 30 Studienabbrüchen mehr (95% KI: 17 mehr bis 49 mehr) aufgrund von unerwünschten Ereignissen.

Sekundäre Endpunkte: Die Behandlung mit SSRI verbessert, verglichen mit einem Placebo, wahrscheinlich die von den Teilnehmenden wahrgenommene Kontrolle über die Ejakulation (definiert als „gut“ oder „sehr gut“) (RR 2,29; 95% KI 1,72 bis 3,05; moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Unter der Annahme, dass 132 von 1000 Teilnehmenden mit Placebo-Behandlung mindestens eine gute Kontrolle verspürten, waren dies unter SSRI-Behandlung 170 mehr (95 mehr bis 270 mehr).

Zusätzlich kann die Behandlung mit SSRI wahrscheinlich das subjektive Leiden der Patienten verringern (definiert als „ein wenig“ oder „gar nicht“; RR 1,54; 95% KI 1,26 bis 1,88; moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Auf der Grundlage von 353 von 1000 Teilnehmenden, die unter einem Placebo über einen geringeren Leidensdruck berichteten, zeigten unter SSRI 191 pro 1000 Teilnehmende mehr (92 mehr bis 311 mehr) einen geringeren Leidensdruck (moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz).

Unter der Behandlung mit SSRI kommt es, verglichen mit der Behandlung mit einem Placebo, wahrscheinlich vermehrt zu unerwünschten Ereignissen (RR 1,71; 95% KI 1,48 bis 1,99; moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Auf der Grundlage von 243 unerwünschten Ereignissen pro 1000 Männern, die ein Placebo erhielten, entspricht dies 173 Männern mehr (117 mehr bis 241 mehr), bei denen unter SSRI unerwünschte Ereignisse auftraten.

Eine Behandlung mit SSRI erhöht, verglichen mit einem Placebo, möglicherweise die IELT (mittlere Differenz 3,09 Minuten länger, 95% KI 1,94 Minuten länger bis 4,25 Minuten länger; niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz).

Übersetzung: 

F. Zengerling, freigegeben durch Cochrane Deutschland.

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