Kernaussagen
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Im Vergleich zu Placebo verringert Cladribin das Risiko eines Rückfalls nach knapp zwei Jahren wahrscheinlich. Ob Cladribin die Zahl neuer Läsionen (d. h. neuer Veränderungen im Gehirn, die in MRT-Scans sichtbar sind) nach knapp zwei Jahren verringert, ist hingegen sehr unsicher. Cladribin hat möglicherweise keinen oder nur einen sehr geringen Einfluss auf das Fortschreiten der Behinderung nach 120 Wochen. Dieses Ergebnis ist aber sehr unsicher. Im Vergleich zu Placebo verändert Cladribin möglicherweise das Risiko unerwünschter Wirkungen, aber nicht das Risiko schwerwiegender unerwünschter Wirkungen. Dieses Ergebnis ist ebenfalls sehr unsicher.
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Es braucht besser gemachte Studien mit längerer Laufzeit, um verlässlich beurteilen zu können, welchen Nutzen und welche Risiken Cladribin hat. Künftige Studien sollten Cladribin direkt mit anderen Medikamenten vergleichen, die bei dieser Erkrankung eingesetzt werden. Dabei sollten sie vor allem untersuchen, was für Betroffene am wichtigsten ist, zum Beispiel die Lebensqualität und wie gut sie ihren Alltag bewältigen können. Künftige Studien sollten auch benachteiligte Bevölkerungsgruppen einbeziehen.
Was ist Multiple Sklerose?
Bei der Multiplen Sklerose (MS) handelt es sich um eine chronische, nicht heilbare entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Dabei treten an verschiedenen Stellen des Gehirns und/oder des Rückenmarks akute Entzündungsherde auf, die mit der Zeit wichtige Alltagsaktivitäten wie Gehen und die Selbstversorgung beeinträchtigen können. Menschen mit MS können verschiedene Beschwerden haben, zum Beispiel Sehstörungen, Taubheitsgefühle oder Kribbeln, Muskelschwäche, Probleme mit Blase oder Darm, Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit, Erschöpfung oder Schwindel. Diese Beschwerden können im Verlauf der Erkrankung stärker werden und dazu führen, dass Betroffene im Alltag zunehmend auf Hilfe angewiesen sind. Wenn nach einer beschwerdefreien Zeit die Symptome erneut auftreten, spricht man von einem "Rückfall". Die häufigste Form der MS ist die "schubförmig-remittierende MS", bei der die Symptome schubweise mit beschwerdefreien Intervallen zwischen den akuten Krankheitsphasen auftreten. Mit der Zeit treten Rückfälle häufiger auf, die Symptome nehmen zu, und die beschwerdefreien Phasen werden kürzer. Multiple Sklerose ist eine besonders belastende Erkrankung. Sie betrifft meist junge Erwachsene, vor allem Frauen, oft in einer sehr aktiven Lebensphase.
Wie wird Multiple Sklerose behandelt?
MS wird derzeit mit "krankheitsmodifizierenden" Medikamenten behandelt (z. B. Interferon beta, Glatirameracetat, Natalizumab, Fingolimod, Alemtuzumab, Teriflunomid und Dimethylfumarat). Diese Medikamente können das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen, aber nicht aufhalten.
Was wollten wir herausfinden?
Die genauen Ursachen von MS sind noch nicht vollständig bekannt. Man weiß jedoch, dass Entzündungen eine wichtige Rolle spielen. Daran sind vor allem bestimmte Immunzellen, sogenannte T- und B-Zellen, beteiligt. Cladribin senkt die Anzahl bestimmter Immunzellen im Blut und im Gehirn. Dadurch kann die Entzündung abnehmen und das Fortschreiten der Krankheit möglicherweise verlangsamt werden. Wir wollten herausfinden, ob Cladribin bei Menschen mit MS das Fortschreiten der Behinderung verlangsamen oder aufhalten kann, ohne dass dabei mehr unerwünschte Ereignisse auftreten.
Wie sind wir vorgegangen?
Wir suchten nach Studien, in denen Cladribin mit keiner Behandlung, mit Placebo (Scheinbehandlung) oder mit „krankheitsmodifizierenden“ Medikamenten bei Menschen mit jeder Form von MS verglichen wurde. Wir verglichen und fassten die Ergebnisse der Studien zusammen und bewerteten unser Vertrauen in die Evidenz auf der Grundlage von Faktoren wie Studienmethoden, Anzahl der Teilnehmenden und Genauigkeit der Ergebnisse.
Was fanden wir heraus?
Wir schlossen 15 Studien mit den folgenden Designs ein.
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- neun randomisierte kontrollierte Studien (RCTs, Studien, in denen Teilnehmende per Zufall einer von mindestens zwei Behandlungsgruppen zugeteilt werden), mit insgesamt 2571 Teilnehmenden. Die Teilnehmenden wurden über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren beobachtet.
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- vier offene Verlängerungsstudien (OLEs, Studien, in denen Teilnehmenden aus vorherigen RCTs der weitere Zugang zur Studienbehandlung ermöglicht wird). In diesen Studien wurden die Teilnehmenden über weitere zwei bis zehn Jahre beobachtet.
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- zwei Beobachtungsstudien mit Daten aus dem Versorgungsalltag („Real-World-Daten“), in denen Cladribin bei 4111 Personen mit anderen „krankheitsmodifizierenden Medikamenten“ verglichen wurde. Die Beobachtungsdauer lag zwischen ein und drei Jahren.
Wichtige Endpunkte für die Patienten, wie Lebensqualität und Denk- oder Gedächtnisprobleme, wurden in keiner Studie berichtet.
Die Ergebnisse der RCTs deuten darauf hin, dass Cladribin wahrscheinlich das Risiko neuer Schübe im Vergleich zu Placebo verringert. Ob es auch die Zahl der neuen Läsionen verringern, die auf Magnetresonanztomographien (MRT) des Gehirns zu sehen sind, ist sehr unsicher. Allerdings hat Cladribin möglicherweise nur geringe oder gar keine Wirkungen auf die Verschlechterung der Behinderung. Aber auch dieses Ergebnis ist sehr unsicher. Zwischen Cladribin und Placebo gibt es möglicherweise kaum oder keinen Unterschied darin, wie viele Menschen schwerwiegende unerwünschte Wirkungen haben oder die Behandlung abbrechen. Cladribin könnte jedoch das Risiko für andere unerwünschte Wirkungen erhöhen. Die Vertrauenswürdigkeit dieser Ergebnisse ist allerdings sehr gering.
Die Ergebnisse von OLEs deuten darauf hin, dass Cladribin möglicherweise im Vergleich zu Placebo den Anteil der Patient*innen erhöhen kann, die nach vier Jahren keine Anzeichen einer Verschlechterung der Krankheit zeigen. Ob Cladribin auch Rückfälle und die Zahl neuer MRT-Läsionen verringern kann, ist sehr unsicher. Cladribin hat möglicherweise nur geringe oder gar keine Auswirkungen darauf, ob sich die Behinderung verschlechtert, ob unerwünschte Ereignisse auftreten oder ob Menschen die Behandlung abbrechen. Die Vertrauenswürdigkeit dieser Ergebnisse ist ebenfalls sehr niedrig.
Die Ergebnisse aus Beobachtungsstudien, in denen Cladribin mit anderen Medikamenten verglichen wurde, sind unterschiedlich. Cladribin verhindert möglicherweise Rückfälle besser als einige andere Medikamente (Dimethylfumarat, Teriflunomid und Fingolimod nach drei Jahren). Im Vergleich zu Fingolimod, Natalizumab und Interferon beta nach einem Jahr ist jedoch unklar, ob Cladribin Rückfälle besser, schlechter oder ähnlich gut reduziert.
Was schränkt die Evidenz ein?
Insgesamt ist unser Vertrauen in die Ergebnisse gering, da viele Studien von schlechter Qualität sind und kaum berücksichtigen, was für die Betroffenen wichtig ist. Die meisten Studien wurden vom Hersteller von Cladribin finanziert und durchgeführt. Daher besteht die Sorge, dass die Berichterstattung über die Studienergebnisse durch Interessen des Herstellers beeinflusst worden sein könnte.
Wie aktuell ist die vorliegende Evidenz?
Die Evidenz ist auf dem Stand von Februar 2025.
B. Schindler, A. Zink, freigegeben durch Cochrane Deutschland
Diese Cochrane-Übersichtsarbeit wurde ursprünglich auf Englisch verfasst. Die Genauigkeit der Übersetzung liegt in der Verantwortung des übersetzenden Teams. Die Übersetzung wird mit Sorgfalt angefertigt und folgt standardisierten Verfahren zur Qualitätssicherung. Allerdings gilt im Falle von Unstimmigkeiten, ungenauen oder unpassenden Übersetzungen der englische Originaltext.