Atemphysiotherapie für Kinder unter zwei Jahren mit akuter Bronchiolitis (Infektion der kleinen Atemwege)

Fragestellung

Wir haben die Evidenz (den wissenschaftlichen Beleg) zur Wirkung einer Atemphysiotherapie für Kinder unter zwei Jahren mit akuter Bronchiolitis begutachtet.

Hintergrund

Eine akute Bronchiolitis ist eine bei Kindern unter zwei Jahren häufig vorkommende virusbedingte Atemwegsinfektion. Bei den meisten Kindern verläuft die Erkrankung leicht und bedarf keiner Behandlung im Krankenhaus. Diejenigen, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, haben manchmal Schwierigkeiten damit, die Atemwege von Schleim (zähen, durch die Entzündung verursachten Absonderungen der Atemwege) zu befreien. Eine Atemphysiotherapie soll dabei helfen, die Atemwege von Schleim zu befreien und die Atmung zu erleichtern. Es stehen drei unterschiedliche Arten von Atemphysiotherapie zur Verfügung: Vibrationen und Klopfungen, Techniken der „verstärkten (beschleunigten) Ausatmung“ und Techniken der „langsamen (verlängerten) Ausatmung“, die ein Zusammenfallen der Atemwege verhindern sollen.

Studienmerkmale

Die Evidenz ist auf dem Stand vom Juli 2015. In diesen Review wurden 12 Studien mit insgesamt 1249 Teilnehmern eingeschlossen. Nach der Art der Atemphysiotherapie unterteilt untersuchten fünf Studien an 246 Teilnehmern Vibrations- und Klopftechniken, drei Studien an 624 Teilnehmern Techniken der „verstärkten Ausatmung“ und vier Studien an 375 Teilnehmern Techniken der „langsamen Ausatmung“.

Hauptergebnisse

Bei Vibrations- und Klopftechniken erzeugt der Physiotherapeut durch mit den Händen ausgeführte wiederholte schnelle Kompression (ein Zusammendrücken) oder Klopfungen Thorax- (Brustkorb-) Schwingungen. Keine dieser Techniken bewirkte in den Studien bei Patienten mit akuter Bronchiolitis eine Verbesserung des Schweregrades der Erkrankung (gemessen mit verschiedenen Skalen bzw. klinischen Bewertungsinstrumenten). Die Techniken führten zu keinen Verbesserungen von Atemfunktionsmessungen (wie z.B. der Atemfrequenz, d.h. Anzahl der Atemzüge/Minute), der Dauer einer Sauerstofftherapie oder der Dauer des Krankenhausaufenthaltes. Es gab keine Daten zur Genesungszeit von der akuten Bronchiolitis, der Gabe von atemwegserweiternden Medikamenten (sogenannten Bronchodilatatoren) oder Kortison (Steroiden) oder der Bewertung des Nutzens der Physiotherapie durch die Eltern. Die in diesen Review eingeschlossenen Studienberichte enthielten keine Angaben zu unerwünschten Wirkungen der Behandlung; in der Literatur sind jedoch in Zusammenhang mit diesen Techniken Fälle bedeutsamer unerwünschter Wirkungen wie beispielsweise Rippenbrüche beschrieben.

Bei Techniken der „verstärkten Ausatmung“ wird der Ausatemfluss durch ein schnelles Zusammendrücken des Brustkorbs oder Bauchraums verstärkt. Bei Teilnehmern mit schwerer Bronchiolitis bewirkten solche Techniken verglichen mit keiner Physiotherapie keine Verkürzung der Genesungszeit bzw. der Zeit bis zum Erreichen eines klinisch stabilen Zustands. Ebenso bewirkten sie, mit Ausnahme von Patienten mit gering bis mäßig ausgeprägter Bronchiolitis, keine Verbesserung des Schweregrades der Erkrankung, der Sauerstoffsättigung oder der Atemfrequenz. Es gab keine Daten zu weiteren Endpunkten (Zielkriterien) wie beispielsweise der Dauer der Zugabe von Sauerstoff, der Dauer des Krankenhausaufenthaltes oder der Gabe von atemwegserweiternden Medikamenten oder Kortison. Zwei Studien fanden gegenüber den Vergleichsgruppen keine bedeutsamen Unterschiede im Eindruck der Eltern vom Nutzen der Physiotherapie. Eine der Studien gab eine höhere Anzahl von Phasen vorübergehenden Erbrechens und Ateminstabilität nach der Behandlung mit Techniken der „verstärkten Ausatmung“ an. Diese Studie fand keine Unterschiede im Auftreten einer Bradykardie (einem zu langsamer Herzschlag) mit und ohne Sauerstoffentsättigung (Abfall des Sauerstoffgehaltes im Blut unter einen bestimmten Wert).

Bei Techniken der „langsamen Ausatmung“ wird der Brustkorb oder Bauchraum von der mittleren Ausatemphase bis zum Ende der Ausatmung sanft zusammengedrückt. Techniken der "langsamen Ausatmung" zeigten bezogen auf den Schweregrad der Erkrankung insgesamt keinen Nutzen. In zwei Studien bewirkten sie jedoch bei Kindern mit mäßig ausgeprägter Bronchiolitis eine kurzfristige Erleichterung bezogen auf den Schweregrad der Erkrankung bzw. die Verringerung der Notwendigkeit der Zugabe von Sauerstoff. Es kam zu keinen Veränderungen der Dauer des Krankenhausaufenthaltes oder der Gabe von atemwegserweiternden Medikamenten oder Kortison. Es gab keine Daten zu Veränderungen der Genesungszeit, von Atemfunktionsmessungen oder des Eindrucks der Eltern vom Nutzen der Physiotherapie. In den Studienberichten wurden keine schwerwiegenden unerwünschten Wirkungen angegeben.

Qualität der Evidenz

Vibrations- und Klopftechniken werden aufgrund ihres fehlenden Nutzens sowie des Risikos möglicher unerwünschter Wirkungen zur routinemäßigen Anwendung in Krankenhäusern nicht empfohlen. Es gibt Evidenz hoher Qualität dafür, dass Techniken der „verstärkten Ausatmung“ bei schwerer Bronchiolitis keinen klinischen Nutzen erbringen, gleichzeitig aber mit unerwünschten Wirkungen wie beispielsweise Erbrechen, Bradykardie mit Sauerstoffentsättigung oder vorübergehender Ateminstabilität (Atemproblemen) verbunden sind. Es gibt Evidenz niedriger Qualität   dafür, dass Techniken der „langsamen Atmung“ insgesamt keinen eindeutigen Nutzen erbringen, allerdings können sie bei einigen Kindern mit Bronchiolitis eine vorübergehende Erleichterung bewirken.   Mit Ausnahme einer Studie, in der Techniken der „verstärkten Ausatmung“ angewandt wurden, trugen die eingeschlossenen Studien entweder ein unklares oder hohes Verzerrungsrisiko (Risiko der Verfälschung der Ergebnisse). Das Verzerrungsrisiko der Studien sowie die mangelnde Genauigkeit der Ergebnisschätzungen führten zur Bewertung der Qualität der Evidenz als "niedrig" für die Wirkung von Techniken der „langsamen Ausatmung“ bezogen auf den Schweregrad der Erkrankung. Weitere Studien sind erforderlich, bevor verlässliche Schlussfolgerungen formuliert werden können.

Übersetzung: 

C. Braun, M. Lohkamp, Koordination durch Cochrane Schweiz.

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