Psychosoziale Interventionen für Patienten mit schwerer psychischer Erkrankung und Substanzmissbrauch

Der Begriff “Doppeldiagnose” wird bei Patienten verwendet, die gleichzeitig eine psychische Erkrankung und Drogen- oder Alkoholproblem haben. In einigen Regionen der Welt haben über 50% der psychisch Erkrankten auch Probleme mit Drogen oder Alkohol. Gerade bei diesen Patienten haben Alkohol- und Drogenmissbrauch oft einen negativen und schädlichen Effekt auf die Symptome ihrer Erkrankung und die Wirkweise der Medikamente. Sie werden möglicherweise aggressiv oder straffällig und haben ein erhöhtes Risiko z.B. für Selbstmord, Hepatitis C- oder HIV-Infektion, Krankheitsrückfälle, Inhaftierung oder Obdachlosigkeit.

Patienten mit Drogenmissbrauch, aber ohne psychische Erkrankung, können mit verschiedenen psychosozialen Interventionen behandelt werden,. Dazu gehören: motivierende Gesprächsführung (motivational interviewing), bei der die Motivation für Veränderungen untersucht wird; kognitive Verhaltenstherapie (CBT), bei der Bewältigungsstrategien erlernt und damit Verhaltensänderungen erreicht werden sollen; unterstützende Therapieansätze, die denen der Anonymen Alkoholiker ähneln; Familien-Psychotherapie, welche die Anzeichen und Auswirkungen von Substanzmissbrauch betrachtet sowie Kompetenz-Training individuell oder in Gruppen. Der Einsatz dieser Interventionen bei Patienten mit Doppeldiagnose ist jedoch schwierig.

Diese systematische Übersichtsarbeit untersuchte die Wirksamkeit psychosozialer Interventionen zur Reduktion des Substanzgebrauchs bei Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen im Vergleich zur Standardbehandlung. Nach einer Literatursuche im Juli 2012 wurden 32 Studien mit insgesamt 3165 Teilnehmern eingeschlossen. Diese Studien nutzen verschiedene psychosoziale Interventionen (einschließlich kognitiver Verhaltenstherapie, motivierender Gesprächsführung, Kompetenz-Training und integrativer Behandlungsmodelle). Keine Studie zeigte einen grossen Unterschied zwischen psychosozialen Interventionen und der Standardbehandlung, und die Evidenz wurde mehrheitlich als niedrig oder sehr niedrig eingestuft. Es gab keine überzeugenden Argumente dafür, dass eine der Interventionsmethoden im Vergleich zu den anderen überlegen wäre. Der Vergleich der Studien wurde jedoch durch Unterschiede im Studiendesign erschwert. Außerdem gab es in einigen Studien viele Studienabbrecher und Unterschiede bei der Durchführung der Interventionen sowie in der Messung des Behandlungserfolges. Um diese Mängel zu beheben, ist es erforderlich, dass zukünftige Studien grösser geplant und besser durchgeführt und berichtet werden. Nur so kann herausgefunden werden, ob psychosoziale Interventionen für Patienten mit psychischen Erkrankungen und Substanzmissbrauch wirksam und von Vorteil sind.

Die englische Version dieser Zusammenfassung wurde von Ben Gray (Rethink Mental Illness, Grossbritannien) geschrieben.

Übersetzung: 

A. Lieder, Koordination durch Cochrane Schweiz

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