Kernaussagen
- Bei Frauen mit einer Senkung der Beckenorgane (Beckenorganprolaps) und Belastungsharninkontinenz verbessert eine zusätzliche Operation gegen Inkontinenz, die gleichzeitig mit der Operation zur Behebung der Senkung durchgeführt wird, die Rate der nach der Operation auftretenden Belastungsharninkontinenz wahrscheinlich. Bei Frauen mit einer Beckenorgansenkung, die vor der Operation keine Belastungsinkontinenz haben, ist eine zusätzliche Operation gegen Inkontinenz möglicherweise nicht nötig. Anmerkung: Viele Frauen mit einer Beckenorgansenkung haben vor der Operation keine Belastungsinkontinenz, da die Absenkung der Beckenorgane die Harnröhre mechanisch blockiert. Nach der Operation wird diese Blockade aufgehoben. Dadurch kann nach der Operation eine Belastungsinkontinenz neu auftreten.
- Bei Frauen mit einer Beckenorgansenkung, die vor der Operation keine Belastungsinkontinenz haben, senkt eine Operation mit körpereigenem Gewebe möglicherweise das Risiko für eine Belastungsinkontinenz nach der Operation eher als eine Operation mit einem eingesetzten Netz. Im Vergleich zur Netzeinlage gibt es bei der Operation mit körpereigenem Gewebe jedoch möglicherweise ein bis sieben Jahre nach der Operation ein deutlich erhöhtes Risiko, dass sich die Organe wieder absenken (550 von 1000 nach OP mit körpereigenem Gewebe, 220 von 1000 mit eingesetztem Netz).
Was ist eine Beckenorgansenkung?
Eine Beckenorgansenkung kommt insbesondere bei Frauen nach der Geburt und in der Postmenopause häufig vor. Dabei handelt es sich um eine starke Absenkung der Beckenorgane. Beckenorgane wie Gebärmutter, Blase, Darm und Scheide sinken dabei nach unten. Bei fortgeschrittenen Formen können sie aus der Scheide herausragen. Eine Beckenorgansenkung geht häufig mit ungewolltem Harnverlust beim Husten oder bei körperlicher Anstrengung (z.B. beim Sport) einher. Dies wird als "Belastungsharninkontinenz" bezeichnet. Bei einigen Frauen blockiert der Prolaps jedoch die Harnröhre, und die Belastungsharninkontinenz wird möglicherweise erst bemerkt, wenn der Prolaps behoben ist. Dies wird als "okkulte" (oder versteckte) Belastungsharninkontinenz bezeichnet. Belastungsharninkontinenz kann sich auch erst nach einer Operation zur Behebung des Prolapses entwickeln, was als "neu auftretende Belastungsharninkontinenz" bezeichnet wird. Eine Beckenorgansenkung kann die Lebensqualität von Frauen stark beeinträchtigen. Je stärker die Beckenorgansenkung ist, desto größer sind meist die Beschwerden – zum Beispiel Probleme beim Wasserlassen oder beim Stuhlgang.
Wie kann eine Beckenorgansenkung behandelt werden?
Beckenorgansenkungen können operativ über die Scheide oder über einen Bauchschnitt behandelt werden. Die Eingriffe erfolgen meist als schonende „Schlüsselloch“-Operation oder mit Unterstützung eines Operationsroboters. Bei der Operation kann entweder das körpereigene Gewebe der Frau verwendet werden oder es wird ein Netz eingesetzt, um das Gewebe zu stützen oder zu verstärken. Eine Belastungsharninkontinenz kann im Rahmen einer Operation zur Behandlung einer Beckenorgansenkung mitbehandelt werden. Eine Möglichkeit ist, ein schmales Netzband unter die Harnröhre zu legen, um sie zu stützen. Eine andere Möglichkeit ist, das Gewebe auf beiden Seiten der Harnröhre im Becken anzuheben und festzunähen.
Was wollten wir herausfinden?
Unser Ziel war es herauszufinden, welche Operation für Frauen mit einer Beckenorgansenkung am besten geeignet ist, unabhängig davon, ob es zu ungewolltem Urinverlust kommt oder nicht. Wir untersuchten, ob Frauen nach einer Operation wegen einer Beckenorgansenkung seltener ungewollt Urin verlieren, wenn gleichzeitig eine zusätzliche Operation gegen Harninkontinenz durchgeführt wird. Außerdem untersuchten wir, ob es nach der Operation erneut zu einer Senkung der Beckenorgane kam, ob Frauen Symptome einer überaktiven Blase (z. B. plötzlichen Harndrang) entwickelten, Probleme beim Entleeren der Blase hatten oder eine weitere Operation benötigten.
Wie gingen wir vor?
Wir suchten systematisch nach Studien und sammelten, fassten und analysierten die relevanten Daten, um herauszufinden, welche Behandlung am besten geeignet ist.
Was fanden wir heraus?
Insgesamt schlossen wir 22 Studien mit 3.095 Frauen ein. Die Studien untersuchten Operationen zur Behebung einer Beckenorgansenkung mit oder ohne zusätzliche Inkontinenz-Operation bei Frauen mit und ohne Belastungsharninkontinenz.
Operationen zur Behandlung von Frauen mit einer Beckenorgansenkung und Belastungsharninkontinenz
Wird während einer Operationen zur Behebung einer Beckenorgansenkung bei Frauen mit Belastungsharninkontinenz ein zusätzliches Stützband unter der Harnröhre eingesetzt, verringert dies möglicherweise die Belastungsharninkontinenz und bewirkt möglicherweise, dass seltener eine weitere Inkontinenz-Operation nötig ist. Die Inkontinenz-Operation kann möglicherweise auch bis zu drei Monate nach der Operationen zur Behebung einer Beckenorgansenkung durchgeführt werden, ohne dass sich die Erfolgsrate wesentlich unterscheidet. In dieser Situation könnten einige Frauen nach der Operation zur Behebung einer Beckenorgansenkung auf eine zusätzliche Operation gegen Inkontinenz verzichten, da sie dann keinen ungewollten Urinverlust haben.
Es ist weiterhin unklar, ob eine Sakrokolpopexie oder Sakrohysteropexie, also eine Operation zur Behebung einer Beckenorgansenkung über den Bauchraum, in Kombination mit einer Burch-Kolposuspension, also dem zusätzlichen Anheben und Fixieren der Harnröhre, die Rate der Belastungsharninkontinenz verringert. Die Evidenz beruht auf einer kleinen Studie mit 47 Frauen. In einer weiteren Studie mit 113 Frauen wurde die Burch-Kolposuspension (Anhebung und Fixierung der Harnröhre) mit einem Stützband unter der Harnröhre verglichen. Nach zwei Jahren verringerte das Stützband die Belastungsharninkontinenz möglicherweise stärker als die Burch-Kolposuspension.
Zwischen einer vaginalen Netzeinlage mit Befestigungsarmen und einer Operation mit körpereigenem Gewebe plus Stützband unter der Harnröhre zeigten sich keine relevanten Unterschiede – weder beim ungewollten Urinverlust nach der Operation noch bei anderen Ergebnissen.
Operationen für Frauen mit Beckenorgansenkung und okkulter Belastungsharninkontinenz
Eine vaginale Operation zur Behebung einer Beckenorgansenkung mit einem zusätzlichen Stützband unter der Harnröhre verringert im Vergleich zu einer Operation ohne dieses Stützband wahrscheinlich die Belastungsharninkontinenz und die Notwendigkeit weiterer Inkontinenz-Operationen (5 Studien, 369 Frauen). Möglicherweise gibt es nur geringe oder gar keine Unterschiede beim Wiederauftreten einer Beckenorgansenkung, überaktiver Blase, neu auftretender überaktiver Blase oder Blasenentleerungsstörung.
Operationen für Frauen mit Beckenorgansenkung ohne Belastungsharninkontinenz
Eine vaginale Operation zur Behebung einer Beckenorgansenkung mit oder ohne zusätzliches Stützband unter der Harnröhre bewirkt bei Frauen ohne Belastungsharninkontinenz keinen Unterschied bei neu auftretender Belastungsharninkontinenz (1 Studie, 220 Frauen).
Es ist unklar, ob eine Operation zur Behebung einer Beckenorgansenkung über den Bauchraum mit oder ohne Anheben und Fixieren der Harnröhre (Burch-Kolposuspension) das neu auftreten von einer Belastungsharninkontinenz verbessert (2 Studien, 364 Frauen).
Bei einer Nachbeobachtung von 3 bis 7 Jahren verringert eine vaginale Operation zur Behebung einer Beckenorgansenkung mit körpereigenem Gewebe möglicherweise geringfügig neu auftretende Belastungsharninkontinenz im Vergleich zu einer Operation mit eingesetztem Netz (3 Studien, 417 Frauen). Das Einsetzen eines Vaginalnetzes verringert jedoch möglicherweise die Rate wiederkehrender Beckenorgansenkungen (3 Studien, 458 Frauen).
Was schränkt die Evidenz ein?
Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz ist moderat oder niedrig. Die Aussagekraft der Ergebnisse ist eingeschränkt, da einige Studien nicht verblindet waren, nicht alle wichtigen Endpunkte untersucht wurden und viele Studien nur wenige Frauen einschlossen.
Wie aktuell ist die Evidenz?
Die Evidenz ist auf dem Stand von Juli 2025.
B. Schindler, A. Zink, freigegeben durch Cochrane Deutschland
Diese Cochrane-Übersichtsarbeit wurde ursprünglich auf Englisch verfasst. Die Genauigkeit der Übersetzung liegt in der Verantwortung des übersetzenden Teams. Die Übersetzung wird mit Sorgfalt angefertigt und folgt standardisierten Verfahren zur Qualitätssicherung. Allerdings gilt im Falle von Unstimmigkeiten, ungenauen oder unpassenden Übersetzungen der englische Originaltext.