Ist das Verlängern des Behandlungszeitraums durch auf die psychische Gesundheit spezialisierte Teams für Menschen mit Psychosen in der frühen Phase besser?

Was ist eine Psychose?

Der Begriff Psychose beschreibt Zustände, die die Psyche (den Geist) betreffen, und bei denen Menschen Schwierigkeiten haben zu entscheiden, was real und was nicht real ist. Dies kann beinhalten, Dinge zu sehen oder zu hören, die andere Menschen nicht sehen oder hören können (Halluzinationen), oder Dinge zu glauben, die nicht wahr sind (Wahnvorstellungen). Die Kombination von Halluzinationen und Wahnvorstellungen kann zu schwerem Leid und Verhaltensänderungen führen. Eine Erstpsychose kennzeichnet das erste Mal, dass eine Person eine psychotische Episode erlebt. Eine Psychose in der frühen Phase bezeichnet die ersten Jahre der Krankheit, nachdem jemand sie zum ersten Mal erlebt hat.

Eine Psychose ist behandelbar

Viele Menschen erholen sich von einer ersten Episode und erleben nie eine weitere psychotische Episode.

Frühinterventionsteams umfassen auf die psychische Gesundheit spezialisierte Fachpersonen, die mit Menschen arbeiten, die in diesem Moment ihre erste psychotische Episode erleben oder vor kurzem erlebt haben. Eine intensive, frühe Behandlung einer Psychose kann dazu beitragen, dass mehr Betroffene ihre Behandlung fortsetzen und genesen.

Eine Frühinterventionsbehandlung dauert in der Regel zwei oder drei Jahre. Nach einer frühen Interventionsbehandlung wird eine betroffene Person von ihrem Arzt oder wohnortnah von auf die psychische Gesundheit spezialisierten Fachpersonen betreut.

Warum erstellten wir diesen Cochrane Review?

Wir wollten herausfinden, ob ein längerer Behandlungszeitraum (bis zu 5 Jahren) durch spezialisierte Frühinterventionsteams bei der Behandlung von Psychosen in der frühen Phase erfolgreicher ist als die übliche zwei- oder dreijährige Behandlung mit anschließender Behandlung durch nicht-spezialisierte Teams.

Wie gingen wir vor?

Wir suchten nach Studien, die den Einsatz einer längeren Behandlung von neu auftretenden Psychosen durch spezialisierte Frühinterventionsteams betrachteten.

Wir suchten nach randomisierten kontrollierten Studien, bei denen mithilfe eines Zufallsverfahrens entschieden wurde, welche Behandlung die Teilnehmenden erhielten. Dieser Studientyp liefert in der Regel die zuverlässigste Evidenz über die Wirkungen einer Behandlung.

Wir wollten über das Ende der Behandlung herausfinden:

- wie viele der Teilnehmenden gesund wurden;

- wie viele der Teilnehmenden ihre Behandlung vorzeitig abbrachen;

- wie viele der Teilnehmenden in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wurden, und für wie lange;

- die psychotischen Symptome und die Funktionsfähigkeit der Teilnehmenden (wie gut sie mit dem täglichen Leben zurechtkommen); und

- wie viele der Teilnehmenden starben.

Suchdatum: Wir schlossen Evidenz ein, die bis zum 22. Oktober 2019 veröffentlicht worden war.

Was wir fanden

Wir fanden drei in Dänemark, Kanada und Hongkong durchgeführte Studien mit 780 Teilnehmenden (55% Männer; Durchschnittsalter 20 bis 25 Jahre).

In den Studien wurde die längere Behandlung (bis zu 5 Jahre) mit der Standardbehandlung (bis zu 3 Jahre) durch ein Frühinterventionsteam verglichen, gefolgt von der üblichen Behandlung (durch den Arzt oder wohnortnahe, auf die psychische Gesundheit spezialisierte Fachpersonen).

Was sind die Ergebnisse unseres Reviews?

Wir fanden keinen Unterschied zwischen der Standardbehandlung und einer längeren Behandlung durch ein Frühinterventionsteam bezogen auf die Anzahl der Personen, die gesund wurden (ermittelt durch das Nachlassen der Symptome (Remission); 3 Studien; 780 Personen).

Bei einer Behandlung, die länger dauert als die Standardbehandlung brechen möglicherweise weniger Menschen die Behandlung vorzeitig ab (2 Studien; 380 Personen).

Möglicherweise gibt es keinen Unterschied zwischen der Standardbehandlung und der längeren Behandlung bezogen auf die Anzahl der Personen, die in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden (1 Studie; 160 Personen), oder wie lange sie im Krankenhaus bleiben (1 Studie; 400 Personen).

Eine längere Behandlung verringert möglicherweise die psychotischen Symptome stärker als die Standardbehandlung (1 Studie; 156 Personen), verbessert jedoch möglicherweise die Funktionsfähigkeit der Menschen nicht (2 Studien; 560 Personen).

Wir sind unsicher, ob eine längere Behandlung die Anzahl der Todesfälle im Vergleich zur Standardbehandlung verringert, da in den Studien nur wenige Todesfälle berichtet wurden (3 Studien; 780 Personen).

Wie zuverlässig sind diese Ergebnisse?

Unsere Ergebnisse verändern sich wahrscheinlich, wenn mehr Evidenz verfügbar ist. Wir haben kein Vertrauen in einen Einfluss eines längeren Behandlungszeitraums auf die Anzahl der Personen, die die Behandlung vorzeitig beenden, die Anzahl derer, die in ein Krankenhaus eingewiesen werden und den Zeitraum, den sie im Krankenhaus bleiben.

Wir sind unsicher über die Wirkung einer längeren Behandlung auf die Genesungsrate, die psychotischen Symptome und die Funktionsfähigkeit der Betroffenen sowie auf die Anzahl von Personen, die sterben. Diese Ergebnisse werden sich verändern, wenn mehr Evidenz verfügbar wird.

Hauptaussagen

Eine längere Behandlung von Psychosen in der frühen Phase durch auf die psychische Gesundheit spezialisierte Teams führt möglicherweise dazu, dass weniger Menschen ihre Behandlung vorzeitig beenden. Wir benötigen jedoch mehr Evidenz, bevor wir sicher sein können, ob eine längere Behandlung insgesamt besser ist als die übliche zwei- oder dreijährige Behandlung.

Übersetzung: 

M. Zelck, freigegeben durch Cochrane Deutschland

Tools
Information

Cochrane Kompakt ist ein Gemeinschaftsprojekt von Cochrane Schweiz, Cochrane Deutschland und Cochrane Österreich. Wir danken unseren Sponsoren und Unterstützern. Eine Übersicht finden Sie hier.