Kann die Anreicherung von Weizenmehl mit Eisen eine Blutarmut (Anämie) vermindern bzw. eine Erhöhung der Eisenwerte in der allgemeinen Bevölkerung bewirken?

Warum ist diese Frage wichtig?

Anämie ist eine häufige Erkrankung, die gewöhnlich durch niedrige Eisenwerte im Körper verursacht wird. Eisen ist insofern wichtig, da es der Hauptbestandteil des Hämoglobins ist. Dieses Protein in den roten Blutkörperchen ermöglicht den Sauerstofftransport durch den Körper. Wenn der Körper nicht genügend gesunde rote Blutkörperchen produzieren kann, um den Körper mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen, kann dies bei Personen zu gesundheitlichen Problemen wie Müdigkeit und Konzentrationsschwäche führen. Kinder können Lernschwierigkeiten entwickeln und Schwangere und ihre Babys sind möglicherweise vom frühzeitigen Tod oder Entwicklungsstörungen bedroht. Oftmals ist die Ernährung von Menschen in Ländern mit niedrigem Einkommensniveau zu eisenarm. Dies kann zu einer Anämie oder niedrigen Eisenwerten im Blut führen. Solche Länder versuchen, dieses Problem auf der Bevölkerungsebene anzugehen, indem sie Grundnahrungsmittel wie Weizenmehl mit Eisen und anderen Mineralien sowie Vitaminen (Mikronährstoffen) anreichern.

Wir wollten wissen, ob die Anreicherung von Weizenmehl mit Eisen, allein oder mit zusätzlichen Mikronährstoffen, Anämie und Eisenmangel in der Allgemeinbevölkerung reduziert. Wir gingen zudem der Frage nach, ob solche Anreicherungsformen unerwünschte Wirkungen zur Folge haben, wie beispielsweise Durchfall (Diarrhoe), Infektionen oder Entzündungen, Verstopfung (Konstipation), Übelkeit (Nausea) oder Tod.

Wie identifizierten und bewerteten wir die Evidenz?

Wir durchsuchten medizinische Datenbanken nach randomisierten kontrollierten Studien (RCTs), die die Wirksamkeit von mit Eisen und anderen Mikronährstoffen angereichertem Weizenmehl im Vergleich zu Weizenmehl (ohne Anreicherung) oder Weizenmehl mit denselben zugesetzten Nährstoffen, aber ohne zusätzlicher Eisenanreicherung, innerhalb der Allgemeinbevölkerung, die älter als zwei Jahre war, untersuchten. RCTs sind medizinische Studien, bei denen Menschen nach dem Zufallsprinzip ausgewählt werden, um eine Behandlung (die Intervention), eine Alternativbehandlung oder keine Behandlung (die Kontrolle) zu erhalten. RCTs bieten die zuverlässigste Evidenz.

Auf Basis von Faktoren, wie der Art und Weise, wie die Studien durchgeführt wurden sowie der Konsistenz der Ergebnisse über die Studien hinweg, haben wir die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz als hoch, moderat, niedrig oder sehr niedrig eingruppiert. Hohe Vertrauenswürdigkeit bedeutet, dass wir von der Evidenz überzeugt sind, mittlere Vertrauenswürdigkeit bedeutet, dass wir einigermaßen überzeugt sind, niedrige oder sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit bedeutet, dass wir unsicher oder sehr unsicher in Bezug auf die Zuverlässigkeit der Evidenz sind.

Was fanden wir heraus?

Wir konnten neun relevante RCTs identifizieren. Die Studienteilnehmenden umfassten 3166 Kinder, Mädchen im Jugendalter und erwachsene Frauen, die in Bangladesch, Brasilien, Indien, Kuwait, den Philippinen, Sri Lanka und Südafrika lebten. Die Studien bewerteten die Wirksamkeit von mit Eisen angereichertem Weizenmehl allein beziehungsweise in verschiedenen Varianten oder in Kombination mit anderen Mikronährstoffen im Vergleich zu Weizenmehl ohne Anreicherung oder Weizenmehl mit den gleichen zugesetzten Mikronährstoffen, jedoch ohne Eisen. Die Studiendauer betrug 3 bis 24 Monate und es wurden folgende Endpunkte berichtetet: Anämie, Hämoglobinkonzentrationen, Eisenmangel und Eisenstatus. Zwei Studien untersuchten zusätzlich Infektionen und Entzündungen. Keine der eingeschlossenen Studien führte Untersuchungen hinsichtlich Diarrhoe, Atemwegsinfektionen, Tod oder anderer unerwünschten Wirkungen durch. Acht Studien berichteten ihre Finanzierungsquelle in eindeutiger Weise, darunter drei mit finanzieller Unterstützung aus der Industrie.

Hauptergebnisse

Angereichertes Weizenmehl mit Eisen könnte eine geringe oder keine Wirksamkeit bezogen auf den Endpunkt Anämie besitzen, bezüglich Eisenmangel ist von einem geringen oder keinem Unterschied im Vergleich zu nicht angereichertem Weizenmehl auszugehen. Wir sind unsicher, ob angereichertes Weizenmehl mit Eisen die Hämoglobinkonzentration erhöht. Angereichertes Weizenmehl mit Eisen führt wahrscheinlich zu einem geringen oder keinem Unterschied bezüglich des individuellen Infektions- oder Entzündungsrisikos.

Angereichertes Weizenmehl mit Eisen, in Kombination mit anderen Mikronährstoffen, könnte zu einem geringen oder keinem Unterschied bei Anämie führen. Wahrscheinlich macht es einen geringen oder keinen Unterschied bei Eisenmangel aus und kann die Hämoglobinkonzentration im Vergleich zu nicht angereichertem Weizenmehl verbessern oder auch nicht.

Wir sind sehr unsicher über die Auswirkungen auf Anämie und Eisenmangel, wenn man betrachtet, dass die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz für den Vergleich von angereichertem Weizenmehl mit Eisen und in Kombination mit anderen Mikronährstoffen zu Weizenmehl, welches mit denselben Mikronährstoffen angereichert wurde, jedoch ohne Eisen, sehr niedrig war. Angereichertes Weizenmehl mit Eisen könnte die Hämoglobinkonzentration kaum oder gar nicht beeinflussen.

Was dies bedeutet

Wir bewerteten die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz als sehr niedrig bis moderat. Dies bedeutet, dass wir nicht sicher sind, wie sich angereichtes Weizenmehl mit Eisen auf die Verringerung von Anämie und Eisenmangel bei Menschen in Ländern auswirkt, die dem Weizenmehl Eisen zusetzen. Keine der Studien berichtete von unerwünschten Wirkungen die durch Zugabe von Eisen zu Weizenmehl auftraten, darum können wir dazu nichts sagen.

Wie aktuell ist dieser Review?

Die Evidenz des Reviews ist auf dem Stand von September 2019.

Schlussfolgerungen der Autoren: 

Der Verzehr von Nahrungsmitteln, die Weizenmehl enthalten, das nur mit Eisen angereichert ist, könnte wenig oder gar keinen Einfluss auf den Endpunkt Anämie nehmen und macht wahrscheinlich einen geringen oder keinen Unterschied hinsichtlich Eisenmangel. Es besteht Unsicherheit darüber, ob sich durch die Intervention, nämlich die Verabreichung von mit Eisen angereichertem Weizenmehl, die Hämoglobinkonzentration im Blut erhöht.

Der Verzehr von Nahrungsmitteln, die aus Weizenmehl zubereitet werden, das mit Eisen in Kombination mit anderen Mikronährstoffen angereichert ist, hat nur geringe oder keine Wirkung auf den Endpunkt Anämie, eine geringe oder keine Wirkung auf Eisenmangel und kann die Hämoglobinkonzentration verbessern oder auch nicht.

Bei dem Vergleich von angereichertem Mehl mit Mikronährstoffen, jedoch ohne Eisen, mit Weizenmehl, das mit Eisen und anderen Mikronährstoffen angereichert ist, besteht Unsicherheit darüber, wie sich dies auf Anämie und Eisenmangel auswirkt, da die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz als sehr gering eingeschätzt wurde. Die Intervention kann möglicherweise innerhalb der Bevölkerung die durchschnittliche Hämoglobinkonzentration kaum oder gar nicht beeinflussen.

Keine der eingeschlossenen Studien berichtete über andere unerwünschte Nebenwirkungen. Die Wirksamkeit dieser Intervention bezogen auf andere gesundheitsbezogene Endpunkte ist unklar.

Zum wissenschaftlichen Abstrakt
Hintergrund: 

Anämie ist eine Erkrankung, bei dem die Anzahl der roten Blutkörperchen (und damit ihre Sauerstofftransportkapazität) nicht ausreicht, um die physiologischen Anforderungen des Körpers zu erfüllen. Die Anreicherung von Weizenmehl gilt als eine sinnvolle Strategie zur Verringerung der Anämie auf Bevölkerungsebene.

Zielsetzungen: 

Bestimmung des Nutzens und Schadens der Anreicherung von Weizenmehl mit Eisen allein oder mit anderen Vitaminen und Mineralien auf Anämie, den Eisenstatus und gesundheitsbezogene Endpunkte in der Bevölkerung, bei Menschen ab einem Alter von über zwei Jahre.

Suchstrategie: 

Wir durchsuchten CENTRAL, MEDLINE, Embase, CINAHL und weitere Datenbanken, um Publikationen zu identifizieren, die bis zum 4. September 2019 veröffentlicht wurden.

Auswahlkriterien: 

Wir schlossen cluster- oder auf Individualebene randomisierte kontrollierte Studien (RCT) ein, die in der Allgemeinbevölkerung, ohne Beschränkung auf spezielle Länder durchgeführt wurden. Es wurden Studien mit Personen, die älter als zwei Jahre waren, eingeschlossen. Bei den Interventionen handelte es sich um die Anreicherung von Weizenmehl mit Eisen allein oder in Kombination mit anderen Mikronährstoffen. Dabei waren experimentelle Studien, die jegliche Arten von Nahrungsmitteln verglichen, die aus mit Eisen angereichertem Mehl unabhängig von der Weizensorte hergestellt wurden, einschlussfähig.

Datensammlung und ‐analyse: 

Auf Basis der Suchergebnisse sichteten und bewerteten zwei Review-Autoren unabhängig voneinander die Einschlussfähigkeit der Studien, extrahierten Daten und bewerteten das Risiko für Bias der eingeschlossenen Studien. Wir haben uns in diesem Review an den Methoden von Cochrane orientiert.

Hauptergebnisse: 

Unsere Suche ergab 3048 Datensätze, nachdem wir Duplikate entfernt hatten. Wir schlossen neun Studien mit 3166 Teilnehmenden ein, die in Bangladesch, Brasilien, Indien, Kuwait, auf den Philippinen, in Sri Lanka und Südafrika durchgeführt wurden. Die Interventionsdauer variierte zwischen 3 und 24 Monaten. Eine Studie wurde bei erwachsenen Frauen durchgeführt, daneben eine Studie sowohl bei Kindern als auch nicht schwangeren Frauen. Die meisten der eingeschlossenen Studien wurden mit einem niedrigen oder unklaren Risiko für Bias für wichtige Bereiche der Auswahl, mögliche Unterschiede in der Durchführung oder der Berichterstattung bewertet.

In drei Studien wurden 41 bis 60 mg Eisen/kg Mehl zugesetzt, in zwei Studien waren es weniger als 40 mg Eisen/kg Mehl und in drei Studien mehr als 60 mg Eisen/kg Mehl. In einer Studie wurde je nach Art des zugesetzten Eisens verschiedene Eisenmengen verwendet: 80 mg pro kg für elektrolytisches und reduziertes Eisen sowie 40 mg pro kg für Eisenfumarat.

Von allen eingeschlossenen Studien flossen Daten in die Metaanalysen mit ein. Sieben Studien verglichen Weizenmehl, das nur mit Eisen angereichert war, mit nicht angereichertem Weizenmehl. Drei Studien verglichen Weizenmehl, das mit Eisen in Kombination mit anderen Mikronährstoffen angereichert war, mit nicht angereichertem Weizenmehl. Und zwei Studien verglichen Weizenmehl, das mit Eisen in Kombination mit anderen Mikronährstoffen angereichert war, mit angereichertem Weizenmehl, das die gleichen Mikronährstoffe (jedoch kein Eisen) enthielt. Es gab keine Studie, die einen Vergleichsarm "keine Intervention" aufwies.

Keine der eingeschlossenen Studien berichtete andere unerwünschte Nebenwirkungen (einschließlich Verstopfung (Konstipation), Übelkeit (Nausea), Erbrechen, Sodbrennen oder Durchfall (Diarrhoe)).

Mit Eisen allein angereichertes Weizenmehl im Vergleich zu nicht angereichertem Weizenmehl (ohne Zusatz von Mikronährstoffen)

Die Anreicherung von Weizenmehl mit Eisen allein könnte eine geringe oder keine Wirkung auf den Endpunkt Anämie besitzen (Relatives Risiko (RR) 0,81, 95% Konfidenzintervall (KI) 0,61 bis 1,07; 5 Studien; 2200 Teilnehmende; niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Die Intervention bewirkt wahrscheinlich einen geringen oder keinen Unterschied bei Eisenmangel (RR 0,43, 95% KI 0,17 bis 1,07; 3 Studien; 633 Teilnehmende; moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Wir sind zudem unsicher, ob mit Eisen angereichertes Weizenmehl die Hämoglobinkonzentration um durchschnittlich 3,30 (g/L) erhöht (95% KI 0,86 bis 5,74; 7 Studien; 2355 Teilnehmende; sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz).

Keine Studie berichtete Daten zu unerwünschten Wirkungen bei Kindern, mit Ausnahmen bezüglich der individuellen Ebene, z. B. im Hinblick auf das Risiko für eine Infektion oder Entzündung. Die Intervention macht wahrscheinlich einen geringen oder keinen Unterschied bei dem Risiko einer Infektion oder Entzündung auf individueller Ebene, gemessen anhand des C-reaktiven Proteins (CRP) aus (moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz).

Mit Eisen in Kombination mit anderen Mikronährstoffen angereichertes Weizenmehl im Vergleich zu nicht angereichertem Weizenmehl (ohne Zusatz von Mikronährstoffen)

Weizenmehl, das mit Eisen angereichert ist, kann in Kombination mit anderen Mikronährstoffen zu einer Reduktion oder keiner Änderung bezogen auf den Endpunkt Anämie führen (RR 0,95, 95% KI 0,69 bis 1,31; 2 Studien; 322 Teilnehmende; niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Die Intervention bewirkt wahrscheinlich einen geringen oder keinen Unterschied bei dem durchschnittlichen Risiko eines Eisenmangels (RR 0,74, 95% KI 0,54 bis 1,00; 3 Studien; 387 Teilnehmende; moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz) und kann zu einem Anstieg oder keiner Änderung der durchschnittlichen Hämoglobinkonzentration führen (Mittelwertdifferenz (MD) 3,29, 95% KI -0,78 bis 7,36; 3 Studien; 384 Teilnehmende; niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz).

Keine der Studien berichtete Daten hinsichtlich unerwünschter Wirkungen bei Kindern.

Mit Eisen in Kombination mit anderen Mikronährstoffen angereichertes Weizenmehl im Vergleich zu angereichertem Weizenmehl mit gleichen Mikronährstoffen (jedoch nicht Eisen)

Angesichts der sehr niedrigen Vertrauenswürdigkeit der Evidenz besteht Unsicherheit bei den Autoren des Reviews über die Wirksamkeit von Weizenmehl, das mit Eisen in Kombination mit anderen Mikronährstoffen angereichert ist, im Vergleich zu Weizenmehl, das mit denselben Mikronährstoffen (jedoch nicht mit Eisen) angereichert ist, hinsichtlich einer Reduktion von Anämie (RR 0,24, 95% KI 0,08 bis 0,71; 1 Studie; 127 Teilnehmende; sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz) und von Eisenmangel (RR 0,42, 95% KI 0,18 bis 0,97; 1 Studie; 127 Teilnehmende; sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Die Intervention kann die durchschnittliche Hämoglobinkonzentration geringfügig oder nicht verändern (MD 0,81, 95% KI -1,28 bis 2,89; 2 Studien; 488 Teilnehmende; niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz).

Keine Studie berichtete Daten hinsichtlich unerwünschter Wirkungen bei Kindern. Acht von neun Studien gaben ihre Finanzierungsquellen an, wobei die meisten mehrere Quellen aufwiesen. Die Finanzierungsquelle scheint die Ergebnisse in keiner der bewerteten Studien verzerrt zu haben.

Übersetzung: 

T. Heise, freigegeben durch Cochrane Deutschland.

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