Helfen Strategien zur gesunden Ernährung und zur Steigerung körperlicher Aktivität Adipositas bei Kindern (0 bis 18 Jahre) zu verhindern?

Hintergrund

Weltweit sind immer mehr Kinder von Übergewicht oder Adipositas betroffen. Als Kind übergewichtig zu sein, kann zu gesundheitlichen Problemen führen und sich auf die psychische Gesundheit und das Sozialleben von Kindern auswirken. Übergewichtige Kinder weisen eine hohe Wahrscheinlichkeit auf, auch im Erwachsenenalter übergewichtig zu sein und wären dann weiterhin von körperlichen und psychischen Gesundheitsproblemen betroffen.

Suche nach Studien

Wir haben eine Vielzahl wissenschaftlicher Datenbanken durchsucht, um Studien zu finden, die Möglichkeiten zur Prävention von Adipositas bei Kindern untersuchten. Wir schlossen Studien ein, die Kinder aller Altersgruppen berücksichtigten. Es wurden nur dann Studien von uns eingeschlossen, wenn die verwendeten Methoden entweder eine Veränderung der Ernährung oder des körperlichen Aktivitätsniveaus bei Kindern oder eine Veränderung beider Aspekte zum Ziel hatten. Wir betrachteten nur solche Studien, welche die bestmöglichen Informationen zur Beantwortung dieser Frage bereitstellten: randomisierte kontrollierte Studien (RCTs).

Was wir herausgefunden haben

Wir konnten 153 RCTs identifizieren. Die Studien stammten überwiegend aus Ländern mit hohem Einkommensniveau, wie den USA und europäischen Ländern, während 12% der Studien in Ländern mit mittlerem Einkommensniveau durchgeführt wurden (Brasilien, Ecuador, Ägypten, Libanon, Mexiko, Thailand und Türkei). Etwas mehr als die Hälfte der RCTs (56%) erprobten Strategien zur gesunden Ernährung oder zur Steigerung körperlicher Aktivität bei Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren. Ein Viertel der Studien untersuchte dies bei Kindern im Alter von 0 bis 5 Jahren sowie ein Fünftel (20%) bei Jugendlichen im Alter von 13 bis 18 Jahren. Die Strategien wurden in verschiedenen Lebenswelten (Settings) umgesetzt, wie beispielsweise zu Hause, in der Vorschule oder in der Schule. Sie zielten zumeist darauf ab, das individuelle Verhalten zu ändern.

Haben sie funktioniert?

Eine allgemein bekannte Methode, um zu beurteilen, ob ein Kind übergewichtig ist, besteht darin, einen Score auf der Grundlage seiner Größe und seines Gewichts zu berechnen und diesen mit dem Gewicht und der Größe vieler Kinder des selben Alters aus ihrem Land in Beziehung zu setzen. Diese Maßzahl wird als zBMI-Score bezeichnet. Wir konnten 61 RCTs mit über 60.000 Kindern identifizieren, die Ergebnisse zum zBMI-Score enthielten. Kinder im Alter von 0 bis 5 Jahren und Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren, denen mit einer Strategie zur gesunden Ernährung oder zur Steigerung körperlicher Aktivität geholfen wurde, reduzierten ihren zBMI-Score um 0,07 bzw. 0,04 Einheiten im Vergleich zu Kindern, die keine Intervention erhielten. Dies bedeutet, dass diese Kinder das Verhältnis aus Gewicht in Abhängigkeit zu ihrer Körpergröße, bezogen auf ihre Altersgruppe, reduzieren konnten. Falls die beobachtete Veränderung des zBMI-Scores bei einer Vielzahl von Kindern in einer Gesamtbevölkerung beobachtet werden könnte, würde dies einen nützlichen Beitrag liefern, um die Probleme im Zusammenhang von Adipositas bei Kindern anzugehen und stellt daher eine wichtige Information für politische Entscheidungsträger dar. Strategien zur gesunden Ernährung oder zur Förderung körperlicher Aktivität oder beides, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 13 bis 18 Jahren angeboten wurden, haben den zBMI-Score nicht erfolgreich reduziert.

Wir überprüften, ob die Strategien für alle Kinder ähnlich funktionieren, z.B. Mädchen und Jungen, Kinder aus wohlhabenden oder weniger wohlhabenden Verhältnissen, Kinder mit unterschiedlichem Migrationshintergrund. Nicht viele RCTs berichteten hierzu. In denjenigen Studien allerdings, welche darüber berichteten, gab es keinen Verweis darauf, dass die Strategien die Ungleichheiten verstärkten. Wir konnten jedoch nicht genügend RCTs mit diesen Informationen finden, um diese Frage hinreichend zu beantworten. Wir haben zusätzlich untersucht, ob Kinder durch eine der Strategien geschädigt wurden, z.B. durch Verletzungen, einen zu großen Gewichtsverlust oder die Entwicklung eines negativen Selbstbildes und einer negativen Einstellung bezüglich des eigenen Gewichts. Nicht viele RCTs berichteten zu diesem Themenbereich. Diejenigen Studien, die dies berücksichtigten, berichteten jedoch über keine Schädigung von Kindern, die eine Strategie zur gesunden Ernährung oder Steigerung der körperlichen Aktivität erhielten.

Wir haben untersucht, wie gut die RCTs konzipiert und durchgeführt wurden, um zu sehen, ob sie Verzerrungen (Bias) aufweisen könnten. Wir entschieden uns, einige Informationen auf der Grundlage dieser Bewertungen hinsichtlich ihrer Güte abzustufen. Die Einstufung der Qualität der Evidenz hinsichtlich des zBMI-Scores bei Kindern im Alter von 0 bis 5 Jahren war „moderat“, bei Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren „niedrig“ und bei Jugendlichen (13 bis 18 Jahre) „moderat“.

Schlussfolgerungen der Autoren

Strategien, die dabei unterstützen, entweder das Ernährungsverhalten zu verändern oder die körperliche Aktivität zu steigern (oder beides), können Übergewicht oder Adipositas bei Kindern vorbeugen. Diese Strategien erwiesen sich als wirksam, um den zBMI-Score bei Kindern im Alter von 0 bis 5 Jahren und bei Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren moderat zu senken. Dies kann für Eltern und Kinder, die sich Sorgen bezüglich des Übergewichts von Kindern machen, nützlich sein. Es kann auch für politische Entscheidungsträger von Nutzen sein, die versuchen, einem wachsenden Trend von übergewichtigen und adipösen Kindern präventiv entgegenzuwirken. Wir fanden Evidenz im geringeren Umfang für Jugendliche und junge Menschen im Alter von 13 bis 18 Jahren: Die Strategien haben ihren zBMI-Score nicht verringert.

Schlussfolgerungen der Autoren: 

Interventionen, die einerseits Ernährung als auch körperliche Aktivität adressieren, können das Risiko von Adipositas (zBMI-Score und BMI) bei Kleinkindern im Alter von 0 bis 5 Jahren reduzieren. Es gibt schwächere Evidenz auf Basis einer Studie dafür, dass ernährungsbezogene Interventionen von Vorteil sein könnten.

Interventionen, die sich nur auf körperliche Aktivität konzentrieren, scheinen bei Kindern in diesem Alter jedoch nicht wirksam zu sein. Im Gegensatz dazu können Interventionen, die sich nur auf körperliche Aktivität konzentrieren, das Risiko von Adipositas (BMI) bei Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren und Jugendlichen im Alter von 13 bis 18 Jahren senken. In diesen Altersgruppen gibt es keine Evidenz dafür, dass Interventionen, die sich nur auf die Ernährung konzentrieren, wirksam sind. Für ernährungsbezogene Interventionen in Kombination mit Interventionen zur Steigerung körperlicher Aktivität gibt es einige Evidenz, dass diese wirksam sein könnten. Wichtig zu erwähnen ist, dass dieser aktualisierte Review auch darauf hindeutet, dass Interventionen zur Prävention von Adipositas im Kindesalter keine unerwünschten Wirkungen oder keinen negativen Einfluss bezüglich gesundheitlicher Ungleichheiten zu haben scheinen.

Dieser Review wird in seiner derzeitigen Form nicht mehr aktualisiert werden. Um den Zuwachs an randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) bei Interventionen zur Prävention von Adipositas bei Kindern bewältigen zu können, wird dieser Review in Zukunft in drei separate Reviews unterteilt, die sich nach den Altersgruppen von Kindern richten werden.

Zum wissenschaftlichen Abstrakt
Hintergrund: 

Adipositasprävention bei Kindern ist, angesichts der erheblichen Auswirkungen auf akute und chronische Krankheiten, den allgemeinen Gesundheitszustand, die Entwicklung und das Wohlbefinden, weltweit eine Priorität im Bereich Public Health. Die international verfügbare Evidenz für Strategien zur Prävention von Adipositas ist sehr umfangreich und nimmt rasch zu. Dies ist eine Aktualisierung eines früheren Reviews.

Zielsetzungen: 

Bestimmung der Wirksamkeit einer Reihe von Interventionen, die Komponenten zur Ernährung oder körperlichen Aktivität oder beides beinhalten, um Adipositas bei Kindern zu vermeiden.

Suchstrategie: 

Wir durchsuchten im Juni 2015 die Datenbanken CENTRAL, MEDLINE, Embase, PsychINFO und CINAHL. Wir führten die Suche von Juni 2015 bis Januar 2018 erneut durch. Zusätzlich haben wir eine Suche in Studienregistern durchgeführt.

Auswahlkriterien: 

Randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) mit ernährungs- oder bewegungsbezogenen Interventionen oder kombinierten ernährungs- und bewegungsbezogenen Interventionen zur Prävention von Übergewicht oder Adipositas bei Kindern (0 bis 17 Jahre), die Ergebnisse der Endpunkte nach mindestens 12 Wochen ab Ersterhebung berichteten.

Datensammlung und ‐analyse: 

Zwei Autoren extrahierten unabhängig voneinander Daten und führten die Gesamtbewertung der Vertrauenswürdigkeit der Evidenz mittels GRADE durch. Wir haben Daten von Endpunkten hinsichtlich Adipositas, soziodemografischen Merkmalen, unerwünschten Ereignissen, Interventionsabläufen und Kosten extrahiert. Wir führten mit den eingeschlossenen Daten Meta-Analysen gemäß der Vorgaben des Cochrane Handbooks for Systematic Reviews of Interventions durch und stellten zusätzlich separate Meta-Analysen nach Altersgruppen für Kinder von 0 bis 5 Jahren, 6 bis 12 Jahren und 13 bis 18 Jahren für zBMI-Scores und BMI dar.

Hauptergebnisse: 

Wir schlossen 153 RCTs, überwiegend aus den USA oder europäischen Ländern, ein. Dreizehn Studien wurden in Ländern mit gehobenem mittleren Einkommensniveau (upper-middle-income countries, UMIC: Brasilien, Ecuador, Libanon, Mexiko, Thailand, Türkei, amerikanisch-mexikanische Grenzregion) sowie eine Studie in einem Land mit niedrigem mittleren Einkommensniveau (lower-middle-income country, LMIC: Ägypten) durchgeführt. Die Mehrheit der Studien (85) hatte als Zielgruppe Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren.

Kinder im Alter von 0 bis 5 Jahren: Moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz liegt auf Basis von 16 RCTs (n = 6.261) vor, dass ernährungsbezogene Interventionen in Kombination mit Interventionen zur Steigerung körperlicher Aktivität, verglichen mit einer Kontrollgruppe, den BMI reduzierten (mittlere Differenz (MD) -0,07 kg/m2, 95% Konfidenzintervall (KI) -0,14 bis -0,01), ein ähnlicher Effekt lag (11 RCTs, n = 5.536) beim zBMI-Score vor (MD -0,11, 95% KI -0,21 bis 0,01). Weder ernährungsbezogene Interventionen (moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz) noch Interventionen zur Steigerung körperlicher Aktivität allein (hohe Vertrauenswürdigkeit der Evidenz) verringerten, im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, den BMI (Interventionen zur Steigerung körperlicher Aktivität allein: MD -0,22 kg/m2, 95% KI -0,44 bis 0,01) oder den zBMI-Score (Ernährungsbezogene Interventionen allein: MD -0,14, 95% KI -0,32 bis 0,04; Interventionen zur Steigerung körperlicher Aktivität allein: MD 0,01, 95% KI -0,10 bis 0,13) bei Kindern im Alter von 0 bis 5 Jahren.

Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren: Es gibt, auf der Basis von 14 RCTs (n = 16410), Evidenz von moderater Vertrauenswürdigkeit dafür, dass Interventionen zur Steigerung körperlicher Aktivität, im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, den BMI verringern konnten (MD -0,10 kg/m2, 95% KI -0,14 bis -0,05). Es gibt jedoch Evidenz von moderater Vertrauenswürdigkeit, dass sie wenig oder gar keinen Einfluss auf den zBMI-Score hatten (MD -0,02, 95% KI -0,06 bis 0,02). Es liegt Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit auf Basis von 20 RCTs (n = 24.043) vor, dass ernährungsbezogene Interventionen in Kombination mit Interventionen zur Steigerung körperlicher Aktivität, im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, den zBMI-Score verringern (MD -0,05 kg/m2, 95% KI -0,10 bis -0,01). Es liegt Evidenz von hoher Vertrauenswürdigkeit vor, dass ernährungsbezogene Interventionen, im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, wenig Einfluss auf den zBMI-Score (MD -0,03, 95% KI -0,06 bis 0,01) oder den BMI (-0,02 kg/m2, 95% CI -0,11 bis 0,06) hatten.

Kinder im Alter von 13 bis 18 Jahren: Evidenz von sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit liegt vor, dass Interventionen zur Steigerung körperlicher Aktivität, im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, den BMI reduzierten (MD -1,53 kg/m2, 95% KI -2,67 bis -0,39; 4 RCTs; n = 720); und Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit lag für eine Reduktion des zBMI-Scores vor (MD -0,2, 95% KI -0,3 bis -0,1; 1 RCT; n = 100). Es liegt, auf der Basis von acht RCTs (n = 16.583) Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit vor, dass ernährungsbezogene Interventionen in Kombination mit Interventionen zur Steigerung der körperlichen Aktivität, im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, keinen Einfluss auf den BMI (MD -0,02 kg/m2, 95% KI -0,10 bis 0,05) oder zBMI-Score (MD 0,01, 95% CI -0,05 bis 0,07; 6 RCTs; n = 16543) hatten. Evidenz auf Basis von zwei RCTs (niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz; n = 294) zeigte, dass ernährungsbezogene Interventionen keinen Effekt auf den BMI hatten.

Direkte Vergleiche von Interventionen: Zwei RCTs berichteten Daten, welche ernährungsbezogene Interventionen oder Interventionen zur Steigerung körperlicher Aktivität oder kombinierte Interventionen bei Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren direkt verglichen. Diese berichteten von keinen Unterschieden.

Heterogenität zeigte sich in den Ergebnissen aller drei Altersgruppen, welche sich nicht vollständig durch den Zeitpunkt oder die Dauer der Interventionen erklären ließ. Wo berichtet, schienen Interventionen keine unerwünschten Wirkungen zu erzeugen (16 RCTs) oder zu einer Verstärkung gesundheitlicher Ungleichheiten beizutragen (Geschlecht: 30 RCTs; sozioökonomischer Status: 18 RCTs), obgleich relativ wenige Studien diese Faktoren untersuchten.

Eine erneute Durchführung der Suchen im Januar 2018 erbrachte 315 weitere Einträge mit Verweis auf Studien mit potenzieller Relevanz für diesen Review, die in der nächsten Aktualisierung in die Synthese miteinfließen werden.

Übersetzung: 

T. Heise, A. Borchard, freigegeben durch Cochrane Deutschland.

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