Können Blutverdünner die Entwicklung von Blutgerinnseln bei Menschen, die aufgrund einer COVID-19-Erkrankung ins Krankenhaus aufgenommen wurden, verhindern?

COVID-19 betrifft typischerweise die Lunge und die Atemwege. Zusätzlich zu Atemproblemen treten jedoch bei 16 % der aufgrund einer COVID-19-Erkrankung im Krankenhaus behandelten Personen Probleme mit dem Blut und den Blutgefäßen auf, die zur Bildung von Blutgerinnseln in den Arterien, Venen und der Lunge führen können. Diese Blutgerinnsel können sich lösen und in andere Teile des Körpers wandern, wo sie Verschlüsse von Blutgefäßen verursachen könnten, die zu Herzinfarkten oder Schlaganfällen führen können. Bei fast der Hälfte der Personen, die mit einer schweren COVID-19-Erkrankung auf einer Intensivstation liegen, können sich Gerinnsel in den Venen oder Arterien bilden.

Was sind Blutverdünner?

Blutverdünner sind Medikamente, die die Bildung schädlicher Blutgerinnsel verhindern. Möglicherweise gehen sie jedoch mit unerwünschten Wirkungen wie Blutungen einher. Einige Leitlinien empfehlen, Blutverdünner zu verabreichen, wenn Personen mit COVID-19 ins Krankenhaus eingeliefert werden, um die Bildung von Blutgerinnseln zu verhindern, anstatt abzuwarten, ob sich Blutgerinnsel bilden und diese dann mit Blutverdünnern zu behandeln.

Was wollten wir herausfinden?

Wir wollten herausfinden, ob die vorbeugende Verabreichung von Blutverdünnern bei Personen, die mit COVID-19 ins Krankenhaus eingeliefert wurden, die Zahl der Todesfälle im Vergleich zu Personen, die keine Behandlung oder eine Behandlung mit einem Placebo erhielten, senkt. Wir wollten außerdem wissen, ob diese Personen weniger Unterstützung bei der Atmung benötigten, ob sich bei ihnen dennoch schädliche Blutgerinnsel bildeten, ob sie Blutungen hatten und ob sie von anderen unerwünschten Ereignissen betroffen waren (zum Beispiel Übelkeit, Erbrechen, Nierenprobleme und Amputationen).

Wie sind wir vorgegangen?

Wir suchten nach Studien, in denen die Wirkung von Blutverdünnern, die Menschen mit COVID-19 im Krankenhaus zur Vorbeugung von Blutgerinnseln verabreicht wurden, untersucht wurde. Die Studien konnten jegliches Design haben, solange sie einen Blutverdünner mit einem anderen Blutverdünner, keiner Behandlung oder einem Placebo (Scheinbehandlung) verglichen. Die Studien konnten an jeglichem Ort der Welt durchgeführt worden sein und die Teilnehmer konnten jeglichen Alters sein, solange sie mit einer bestätigten COVID-19-Erkrankung im Krankenhaus waren.

Datum der Suche: 20. Juni 2020

Was wir gefunden haben

Wir hofften darauf, randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) zu finden. Bei randomisierten kontrollierten Studien werden die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip der zu untersuchenden Behandlung oder der Vergleichsbehandlung (einer anderen Behandlung, keiner Behandlung oder einer Placebo-Behandlung) zugeteilt. RCTs liefern die beste Evidenz.

Da wir keine RCTs fanden, schlossen wir sieben nicht-randomisierte „retrospektive“ (rückblickende) Studien ein, die auf die Behandlungen von 5.929 Personen zurückblickten. Diese Studien wurden auf Intensivstationen, Krankenhaus-Stationen und in Notaufnahmen in China, Italien, Spanien und den USA durchgeführt. Sie lieferten Evidenz zu Todesfällen und Blutungen, aber keine Evidenz zur Atemunterstützung, der Bildung von Blutgerinnseln und zu anderen unerwünschten Wirkungen. Die Studien unterschieden sich stark voneinander, sodass es nicht möglich war, ihre Ergebnisse statistisch zusammenzufassen.

Blutverdünner im Vergleich mit keiner Behandlung (6 Studien)
- Eine Studie berichtete von einer Verringerung der Mortalität und eine andere Studie über eine Verringerung der Mortalität nur bei schwer erkrankten Personen. Drei Studien berichteten von keinem Unterschied in Bezug auf die Mortalität, und die verbleibende Studie berichtete über keine Todesfälle in beiden Gruppen.
- Eine Studie berichtete über schwere Blutungen bei 3 % der Teilnehmer, die Blutverdünner erhielten und bei 1,9 % der Teilnehmer, die keine Blutverdünner erhielten.

Behandlungs-Dosis von Blutverdünnern im Vergleich zur Vorbeugungs-Dosis (1 Studie)
Alle Teilnehmer waren auf der Intensivstation an mechanische Beatmungsgeräte angeschlossen. Die Patienten, bei denen sich Blutgerinnsel oder keine Blutgerinnsel gebildet haben konnten, erhielten entweder Blutverdünner in einer Dosis, die üblicherweise zur Behandlung von Gerinnseln verwendet wird (höhere Dosis), oder eine Dosis, die zur Vorbeugung von Gerinnseln verwendet wird (niedrigere Dosis).
- Diese Studie berichtete von einer niedrigeren Sterberate bei Personen, die die Behandlungsdosis (34,2 %) erhielten, verglichen mit der Vorbeugungs-Dosis (53 %).
- Diese Studie berichtete von schweren Blutungen bei 31,7 % der Teilnehmer, die die Behandlungs-Dosis erhielten und bei 20,5 % der Teilnehmer, die die Vorbeugungs-Dosis erhielten.

Zuverlässigkeit der Evidenz

Wir wissen nicht, ob Blutverdünner eine sinnvolle vorbeugende Behandlung für Personen mit COVID-19 sind, da wir bezüglich der Evidenz sehr unsicher sind. In keiner der Studien wurden die Teilnehmer randomisiert, alle Studien waren retrospektiv. Außerdem wichen die berichteten Ergebnisse stark voneinander ab und die angewendeten Methoden wurden nicht vollständig beschrieben. Dies bedeutet, dass die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz sehr niedrig ist.

Wie geht es weiter?

Durch unsere Recherchen fanden wir 22 noch nicht abgeschlossene Studien, von denen 20 randomisierte kontrollierte Studien mit 14.730 Teilnehmern sind. Wir planen, die Ergebnisse dieser Studien unserem Review hinzuzufügen, sobald sie veröffentlicht sind. Wir hoffen, dass diese qualitativ besseren Studien eine schlüssige Antwort auf unsere Review Frage liefern werden.

Übersetzung: 

M. Davia, freigegeben durch Cochrane Deutschland

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