Ist Plasma von COVID-19-Genesenen eine wirksame Behandlung für Menschen mit COVID-19?

Kernaussagen

• Wir sind sehr sicher, dass Rekonvaleszentenplasma keinen Nutzen für eine Behandlung von Menschen mit moderater bis schwerer COVID-19-Erkrankung hat.

• Wir sind unsicher bezüglich der Wirkungen von Rekonvaleszentenplasma zur Behandlung von Menschen mit mildem oder asymptomatischen COVID-19-Verlauf.

• Wir fanden ungefähr 130 Studien, die noch nicht abgeschlossen, noch nicht veröffentlicht oder erst kürzlich veröffentlicht waren. Wir werden unseren Review so bald wie möglich mit der Evidenz aus diesen Studien aktualisieren. Neue Evidenz könnte unsere verbleibenden Fragen beantworten.

Was ist Rekonvaleszentenplasma?

Als eine seiner Abwehrmaßnahmen gegen Infektionen produziert das Immunsystem Antikörper. Antikörper befinden sich als Bestandteile des Bluts im sogenannten Plasma. Das Blut von Menschen, die vom COVID-19-Virus genesen sind, enthält COVID-19-Antikörper und kann in zweierlei Form verwendet werden. Zum einen kann Rekonvaleszentenplasma aus dem Blut gewonnen werden. Das ist Plasma, dass diese Antikörper enthält. Zum anderen kann daraus Hyperimmunglobulin hergestellt werden, welches konzentrierter ist und daher mehr Antikörper enthält.

Rekonvaleszentenplasma und Hyperimmunglobulin werden bei einigen Viruserkrankungen erfolgreich eingesetzt. Sie werden (verabreicht als Infusion oder Injektion) generell gut vertragen, können aber unerwünschte Wirkungen verursachen.

Was wollten wir herausfinden?

Wir wollten herausfinden, ob Rekonvaleszentenplasma oder Hyperimmunglobulin wirksame Behandlungen für Menschen mit bestätigter COVID-19-Erkrankung sind. Wir betrachteten:

• Todesfälle durch jegliche Ursache nach der Behandlung mit Rekonvaleszentenplasma oder Hyperimmunglobulin;

• Verbesserung oder Verschlechterung des Zustands der Patienten, gemessen an der Anzahl an Personen, die Unterstützung durch ein Beatmungsgerät benötigten.

• Lebensqualität; und

• unerwünschte Wirkungen.

Wie gingen wir vor?

Wir suchten nach Studien, die Rekonvaleszentenplasma oder Hyperimmunglobulin zur Behandlung von Menschen mit COVID-19 untersuchten. Die Studien konnten überall auf der Welt stattfinden und Teilnehmer mit mildem, moderatem oder schwerem COVID-19 einschließen, unabhängig von Alter, Geschlechts oder Herkunft.

Für die Analyse fassten wir die Ergebnisse der Studien, wenn es möglich war, statistisch zusammen. Wir bewerteten unser Vertrauen in die Evidenz, basierend auf Merkmalen wie Studienmethodik und -größe.

Was fanden wir heraus?

Wir fanden 13 Studien mit 48.509 Teilnehmenden, die Rekonvaleszentenplasma untersuchten. Abgesehen von einer Studie schlossen alle Studien Teilnehmende mit moderatem bis schwerem COVID-19 ein. Wir fanden keine Studien, die Hyperimmunglobulin untersuchten. Die Studien fanden größtenteils in Krankenhäusern statt, in Ländern aus aller Welt.

Moderates bis schweres COVID-19
Rekonvaleszentenplasma im Vergleich mit Placebo oder der Standardversorgung allein:

• Rekonvaleszentenplasma bewirkt keinen Unterschied bei Todesfällen jeglicher Ursache gemessen bis zu 28 Tage nach der Behandlung. Ungefähr 237 von 1000 Menschen, die Placebo oder die Standardversorgung erhielten, starben, verglichen mit 233 von 1000 Menschen, die Rekonvaleszentenplasma erhielten (7 Studien, 12.646 Menschen);

• Rekonvaleszentenplasma macht nur einen geringen oder keinen Unterschied in der Verbesserung des Zustands der Patienten, gemessen anhand eines verminderten Bedarfs an Atemunterstützung (innerhalb der gesamten Population, die zu Behandlungsbeginn eine Atemunterstützung benötigten), (8 Studien, 12.682 Menschen). Ebenfalls keinen Unterschied machte es für die Menschen, die zu Beginn der Studien beatmet wurden (2 Studien, 630 Menschen);

• Rekonvaleszentenplasma führt zu keinem Unterschied hinsichtlich einer Verschlechterung des Zustands der Patienten. Ungefähr 126 von 1000 Menschen, die Placebo oder die Standardversorgung erhielten, benötigten invasive maschinelle Beatmung, verglichen mit 123 von 1000 Menschen, die Rekonvaleszentenplasma erhielten (4 Studien, 11.765 Menschen);

• Rekonvaleszentenplasma macht möglicherweise keinen Unterschied bei den unerwünschten Wirkungen. Die acht Studien, die unerwünschte Wirkungen berichteten, maßen und berichteten ihre Ergebnisse sehr unterschiedlich, daher können wir keine Schlussfolgerungen ziehen.

Keine der Studien berichtete über Ergebnisse zur Lebensqualität.

Mildes COVID-19
Wir wissen nicht, ob Rekonvaleszentenplasma im Vergleich zu Placebo oder der Standardversorgung einen Unterschied in der Anzahl der Todesfälle, Verbesserung oder Verschlechterung des Zustands des Patienten, Lebensqualität oder unerwünschten Wirkungen macht. Wir fanden nur eine Studie mit 160 Teilnehmenden, die Menschen mit mildem COVID-19 untersuchte.

Was sind die Grenzen der Evidenz?

• Wir sind sehr sicher, was die Evidenz zu Todesfällen jeglicher Ursache und Verbesserung oder Verschlechterung des Zustands der Patienten bei Menschen mit moderatem bis schwerem COVID-19 betrifft.

• Unser Vertrauen in die andere Evidenz bei Menschen mit moderatem und schwerem, sowie mildem COVID-19 ist sehr eingeschränkt, da die Studien sich sehr stark unterschieden und ihre Ergebnisse nicht mit konsistenten Methoden maßen und dokumentierten .

• Wir fanden nur wenig nützliche Evidenz zu unerwünschten Wirkungen und keine Evidenz zu Lebensqualität.

Wie aktuell ist die Evidenz?

Dies ist die vierte Version unseres Reviews. Die Evidenz ist auf dem Stand vom 17. März 2021.

Schlussfolgerungen der Autoren: 

Wir haben Evidenz von hoher Vertrauenswürdigkeit, dass Rekonvaleszentenplasma für die Behandlung von Personen mit moderater bis schwerer Erkrankung die Mortalität nicht reduziert und einen geringen bis keinen Einfluss auf Maße für die klinische Verbesserung hat. Wir sind uns über die unerwünschten Wirkungen von Rekonvaleszentenplasma nicht sicher. Obwohl große Anstrengungen zur Erforschung von COVID-19 unternommen werden, ist die heterogene Berichterstattung von Endpunkten noch immer ein Problem. Es gibt 100 laufende Studien und 33 Studien, die in einem Studienregister als abgeschlossen oder abgebrochen berichtet sind, aber noch keine Ergebnisse berichtet haben. Die Veröffentlichung laufender Studien könnte einige der Unsicherheiten zur Hyperimmunglobulin-Therapie bei Menschen mit jedem Krankheitsschweregrad und der Behandlung mit Rekonvaleszentenplasma bei Menschen mit asymptomatischer oder milder Erkrankung beseitigen.

Den gesamten wissenschaftlichen Abstract lesen...
Hintergrund: 

Rekonvaleszentenplasma und Hyperimmunglobuline könnten die Sterblichkeitsrate bei Patienten mit viralen Atemwegserkrankungen senken und werden derzeit in Studien als potenzielle Therapie der Coronavirus-Krankheit-2019 (COVID-19) untersucht. Es ist wichtig, Nutzen und Risiken dieser Interventionen aus der aktuellen Evidenz umfassend zu kennen.

Zielsetzungen: 

Durch die Methoden eines „Living Systematic Review“ zu beurteilen, ob die Transfusion von Rekonvaleszentenplasma oder Hyperimmunglobulin für die Behandlung von Menschen mit COVID-19 wirksam und sicher ist; und die Evidenz aktuell zu halten.

Suchstrategie: 

Wir durchsuchten die COVID-19 Forschungsdatenbank der Weltgesundheitsorganisation (WHO), MEDLINE, Embase, das COVID-19-Studienregister von Cochrane, die Epistemonikos COVID-19 L*OVE Plattform und Studienregister, um abgeschlossene und laufende Studien zu finden. Die Literatursuchen wurden am 17. März 2021 durchgeführt.

Auswahlkriterien: 

Wir schlossen randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) ein, die Rekonvaleszentenplasma oder Hyperimmunglobulin bei COVID-19 untersuchten, unabhängig von der Schwere der Krankheit, Alter, Geschlecht oder ethnischer Zugehörigkeit. Für die Bewertung der Sicherheit schlossen wir auch nicht-kontrollierte, nicht-randomisierte Studien zu Interventionen (non-controlled non-randomised studies of interventions, NRSIs) ein, wenn es 500 oder mehr Teilnehmende gab.

Wir schlossen Studien aus, die Teilnehmer mit anderen Coronavirus-Erkrankungen (Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom (SARS) oder Middle East respiratory syndrome (MERS)) einschlossen, sowie Studien, die Standard-Immunglobulin untersuchten.

Datensammlung und ‐analyse: 

Wir verwendeten die Standardmethoden von Cochrane.

Um den Bias der eingeschlossenen Studien zu bewerten, verwendeten wir das „Risk of Bias 2“-Instrument von Cochrane für RCTs und für NRSIs die Bewertungskriterien für Beobachtungsstudien von Cochrane Childhood Cancer. Wir bewerteten die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz mit GRADE für die folgenden Endpunkte: Gesamtmortalität, Verbesserung und Verschlechterung des klinischen Zustands (bei Personen mit moderater bis schwerer Erkrankung), Entwicklung schwerer klinischer COVID-19-Symptome (bei Personen mit asymptomatischer oder milder Erkrankung), Lebensqualität (einschließlich Fatigue und funktioneller Unabhängigkeit), unerwünschte Ereignisse Grad 3 oder 4 und schwerwiegende unerwünschte Ereignisse.

Hauptergebnisse: 

Wir schlossen 13 Studien (12 RCTs, 1 NRSI) mit 48.509 Teilnehmenden ein, von denen 41.880 Rekonvaleszentenplasma erhielten. Wir konnten keine abgeschlossene Studie zur Bewertung von Hyperimmunglobulinen identifizieren. Wir identifizierten weitere 100 laufende Studien, die Rekonvaleszentenplasma oder Hyperimmunglobulin untersuchen, sowie 33 Studien, die als abgeschlossen oder abgebrochen berichtet wurden.

Menschen mit einer bestätigten Diagnose von COVID-19 und moderater bis schwerer Erkrankung

Elf RCTs und eine NRSI untersuchten den Einsatz von Rekonvaleszentenplasma bei 48.349 Teilnehmenden mit moderater bis schwerer COVID-19-Erkrankung. Neun RCTs verglichen jeweils die Standardbehandlung mit Rekonvaleszentenplasma mit einer Placebobehandlung oder nur der Standardbehandlung, welche alle Patienten erhielten. Zwei RCTs verglichen Rekonvaleszentenplasma mit normalem Plasma (Ergebnisse sind nicht im Abstract enthalten).

Wirksamkeit von Rekonvaleszentenplasma

Wir schlossen Daten aus neun RCTs (12.875 Teilnehmende) ein, um die Wirksamkeit von Rekonvaleszentenplasma im Vergleich zu Placebo oder nur der Standardversorgung zu beurteilen.

Rekonvaleszentenplasma reduziert die Gesamtmortalität bis zum 28. Tag nicht (relatives Risiko (RR) 0,98, 95 % Konfidenzintervall (KI) 0,92 bis 1,05; 7 RCTs, 12.646 Teilnehmende; Evidenz von hoher Vertrauenswürdigkeit). Es hat nur einen geringen bis keinen Einfluss auf die klinische Verbesserung für alle Teilnehmenden, wenn diese als Beendigung der künstlichen Beatmung gemessen wird (RR nicht schätzbar; 8 RCTs, 12.682 Teilnehmende; Evidenz von hoher Vertrauenswürdigkeit). Es hat nur einen geringen bis keinen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit einer Entwöhnung oder Entfernung der invasiven maschinellen Beatmung, für die Subgruppe der Teilnehmenden, die bei Studienbeginn eine invasive maschinelle Beatmung benötigten (RR 1,04, 95 % KI 0,57 bis 1,93; 2 RCTs, 630 Teilnehmende; Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit). Es reduziert nicht den Bedarf an invasiver maschineller Beatmung (RR 0,98, 95 % KI 0,89 bis 1,08; 4 RCTs, 11.765 Teilnehmende; Evidenz von hoher Vertrauenswürdigkeit). Wir stellten keine Unterschiede in den Subgruppen fest.

Wir fanden keine Studien, die zu Lebensqualität berichten, und wissen daher nicht, ob Rekonvaleszentenplasma einen Einfluss auf die Lebensqualität hat. Eine RCT untersuchte das Abklingen von Fatigue an Tag 7, aber wir sind uns bezüglich des Effekts sehr unsicher (RR 1,21, 95 % KI 1,02 bis 1,42; 309 Teilnehmende; Evidenz von sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit).

Sicherheit von Rekonvaleszentenplasma

Wir schlossen die Ergebnisse von acht RCTs und einer NRSI ein, um die Sicherheit von Rekonvaleszentenplasma zu bewerten. Einige der RCTs berichteten die Sicherheitsdaten nur von der Gruppe, die Rekonvaleszentenplasma erhielt.

Wir sind unsicher, ob Rekonvaleszentenplasma das Risiko unerwünschter Ereignisse von Grad 3 und 4 (RR 0,90, 95 % KI 0,58 bis 1,41; 4 RCTs, 905 Teilnehmende; Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit) und schwerwiegender unerwünschter Ereignisse (RR 1,24, 95 % KI 0,81 bis 1,90; 2 RCTs, 414 Teilnehmende; Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit) erhöht oder verringert.

Eine Zusammenfassung der berichteten Ereignisse der NRSI (welche Daten zur Sicherheit für 20.000 von 35.322 transfundierten Teilnehmenden berichtet) und von vier RCTs, die Daten zur Sicherheit nur für transfundierte Teilnehmende (6125 Teilnehmende) berichten, sind im Volltext enthalten.

Personen mit einer bestätigten Diagnose einer SARS-CoV-2-Infektion und asymptomatischer oder milder Erkrankung

Wir identifizierten eine RCT mit 160 Teilnehmenden, die Rekonvaleszentenplasma mit einer Placebobehandlung (Kochsalzlösung) verglich.

Wirksamkeit von Rekonvaleszentenplasma

Wir sind uns bezüglich des Effekts von Rekonvaleszentenplasma auf die Gesamtmortalität (RR 0,50, 95 % KI 0,09 bis 2,65; Evidenz von sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit) sehr unsicher. Wir sind unsicher über den Effekt von Rekonvaleszentenplasma auf die Entwicklung schwerer klinischer COVID-19-Symptome (RR nicht schätzbar; Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit).

Wir identifizierten keine Studie, die die Lebensqualität untersuchte.

Sicherheit von Rekonvaleszentenplasma

Wir wissen nicht, ob Rekonvaleszentenplasma mit einem höheren Risiko für unerwünschte Ereignisse Grad 3 oder 4 (Evidenz von sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit) oder für schwerwiegende unerwünschte Ereignisse (Evidenz von sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit) verbunden ist.

Dies ist ein „Living Systematic Review“. Wir suchen wöchentlich nach neuer Evidenz und aktualisieren den Review, wenn wir relevante neue Evidenz finden. In der Cochrane Datenbank für systematische Reviews finden Sie den aktuellen Status des Reviews.

Übersetzung: 

A. Wenzel, freigegeben durch Cochrane Deutschland

Tools
Information

Cochrane Kompakt ist ein Gemeinschaftsprojekt von Cochrane Schweiz, Cochrane Deutschland und Cochrane Österreich. Wir danken unseren Sponsoren und Unterstützern. Eine Übersicht finden Sie hier.