Reduzierung des Süßgetränkekonsums: Was funktioniert?

Was sind Süßgetränke?

Süßgetränke sind kalte und heiße Getränke mit zugesetztem Zucker. Hierzu zählen unter anderem kalorienhaltige Erfrischungsgetränke wie Cola und Limo, Eistee, Sportgetränke, Energy-Drinks, Nektare, zuckergesüßtes Wasser sowie zuckergesüßte Tee- und Kaffeegetränke.

Warum sind Süßgetränke ein wichtiges Gesundheitsthema?

Forschungsergebnisse zeigen, dass Menschen, die viele Süßgetränke trinken, häufig an Gewicht zunehmen. Ein hoher Konsum von Süßgetränken kann auch das Risiko erhöhen, an Diabetes (Zuckerkrankheit), Herzkrankheiten und Zahnkaries zu erkranken. Daher empfehlen Ärzte, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene weniger Süßgetränke trinken. Regierungen, Unternehmen, Schulen und Arbeitgeber haben verschiedene Maßnahmen ergriffen, um den Konsum von gesünderen Getränken zu fördern.

Was ist das Ziel dieses Reviews?

Wir wollten herausfinden, ob die bereits ergriffenen Maßnahmen erfolgreich darin waren, Menschen dabei zu unterstützen, weniger Süßgetränke zu trinken und damit ihre Gesundheit zu verbessern. Wir konzentrierten uns dabei auf Verhältnisprävention, das heißt auf Maßnahmen, die am Umfeld ansetzen in dem eine Getränkeauswahl getroffen wird. Studien über Gesundheitsbildung und Süßgetränkesteuern schlossen wir aus, da diese in anderen Reviews untersucht werden. (Allerdings untersuchten wir Preiserhöhungen auf Süßgetränke, die nicht aufgrund von Steuern entstanden.) Wir suchten nach allen verfügbaren Studien, die klar definierte Kriterien zur Bearbeitung dieser Fragestellung erfüllten. Dieser Review gibt den Stand der Forschung von Januar 2018 wieder.

Welche Studien fanden wir?

Wir fanden 58 Studien, welche mehr als eine Million Erwachsene, Jugendliche und Kinder einschlossen. Die meisten Studien dauerten ungefähr ein Jahr und wurden in Schulen, Geschäften oder Restaurants durchgeführt.

Einige Studien nutzten Methoden, die nicht sehr zuverlässig sind. In einigen Studien wurden die Teilnehmer beispielsweise einfach nur gefragt, wie viel Süßgetränke sie trinken, was eine nicht sehr zuverlässige Methode ist, da sich Menschen manchmal nicht erinnern können, wie viel sie tranken. Einige Ergebnisse unseres Reviews könnten sich deshalb ändern, wenn weitere und bessere Studien veröffentlicht werden.

Was sagen uns diese Studien?

Die Evidenz, die wir fanden, zeigt, dass verschiedene Maßnahmen den Süßgetränkekonsum erfolgreich verringern konnten. Hierzu zählen die folgenden Maßnahmen:

▪ Leicht verständliche Lebensmittelkennzeichnungen (Label), zum Beispiel nach dem Ampelsystem, oder Systeme mit Sternen oder Nummern.

▪ Verringertes Süßgetränke-Angebot in Schulen, zum Beispiel indem in Schulkantinen Süßgetränke durch Wasser ersetzt werden.

▪ Preiserhöhung auf Süßgetränke in Restaurants, Geschäften und Freizeiteinrichtungen.

▪ Kindermenüs in Restaurantketten, die als Standardgetränk kein Süßgetränk sondern ein gesünderes Getränk enthalten.

▪ Bessere Vermarktung und Platzierung gesünderer Getränke in Supermärkten.

• Lebensmittel-Hilfsprogramme (zum Beispiel Lebensmittelmarken) mit Beschränkungen auf Süßgetränke.

▪ Lokale Gesundheitskampagnen mit einem Schwerpunkt auf Süßgetränke.

• Verbesserte Verfügbarkeit von kalorienarmen Getränken zuhause, zum Beispiel durch Hauslieferungen von Wasserflaschen und kalorienarmen Getränken.

Es gibt auch Evidenz, die zeigt, dass die verbesserte Verfügbarkeit von kalorienarmen Getränken zuhause die Gewichtsabnahme fördern kann.

Es gibt noch weitere Maßnahmen, die beeinflussen könnten, wie viel Süßgetränke Menschen konsumieren, doch für diese ist die verfügbare Evidenz weniger vertrauenswürdig.

Einige, doch nicht alle Studien, haben gezeigt, dass solche Maßnahmen unbeabsichtigte Auswirkungen haben können, welche schädlich sein können. Einige Studien berichteten, dass die Umsätze von Geschäften und Restaurants sanken, als die Maßnahmen eingeführt wurden, während andere Studien zeigten, dass die Umsätze gleich blieben oder stiegen. Kinder, die kostenloses Wasser in der Schule bekommen, trinken möglicherweise weniger Milch. Einige Studien berichteten, dass die Teilnehmenden mit bestimmten Maßnahmen nicht zufrieden waren.

Wir haben auch Studien zu zuckergesüßten Milchgetränken betrachtet. Wir haben festgestellt, dass bei Kindern kleine Belohnungen für die Auswahl ungesüßter Milch in ihrer Schulcafeteria sowie Aufkleber mit Emoticons helfen könnten, den Konsum zuckergesüßter Milchgetränke zu reduzieren. Allerdings könnte das auch die Menge an verschwendeter Milch erhöhen, wenn Kinder diese wählen aber nicht trinken.

Was bedeutet das für die Praxis?

Unser Review zeigt, dass Maßnahmen, die an der Umgebung von Menschen ansetzen, diese erfolgreich dabei unterstützenkönnen, weniger Süßgetränke zu trinken. Auf der Grundlage unserer Ergebnisse schlagen wir vor, dass solche Maßnahmen im größeren Stil umgesetzt werden könnten. Regierungen, Unternehmen und Gesundheitsfachleute, die solche Maßnahmen umsetzen, sollten mit Wissenschaftlern zusammenarbeiten, um mehr über die kurz- und langfristigen Auswirkungen dieser Maßnahmen zu erfahren.

Schlussfolgerungen der Autoren: 

Die in diesem Review eingeschlossenen Studienergebnisse deuten darauf hin, dass es wirksame, skalierbare Maßnahmen zur Reduktion des Süßgetränkekonsums auf Bevölkerungsebene gibt. Die Umsetzung solcher Maßnahmen sollte von methodisch hochwertigen Evaluationen, unter Verwendung geeigneter Studiendesigns, begleitet werden. Ein besonderer Schwerpunkt sollte dabei auf die Langzeitwirkung von Ansätzen gelegt werden, die für eine groß angelegte Umsetzung geeignet sind.

Zum wissenschaftlichen Abstrakt
Hintergrund: 

Häufiger Konsum von übermäßigen Mengen an Süßgetränken ist ein Risikofaktor für Adipositas (starkes Übergewicht), Diabetes mellitus Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Zahnkaries. Verhältnispräventive Maßnahmen setzen an dem physischen oder sozialen Kontext an, in dem Menschen ihre Getränke auswählen und wurden als Mittel zur Reduktion des Süßgetränkekonsums vorgeschlagen.

Zielsetzungen: 

Wir untersuchten die Wirkung von Verhältnisprävention (ohne Berücksichtigung von Steuern) auf die folgenden Endpunkte: Konsum von Süßgetränken und zuckergesüßter Milch, ernährungsbezogene anthropometrische Maße und gesundheitsbezogene Endpunkte, sowie jegliche berichtete unerwünschte Konsequenzen oder Wirkungen.

Suchstrategie: 

Wir durchsuchten 11 allgemeine, fachspezifische und regionale Datenbanken bis zum 24. Januar 2018. Wir durchsuchten zudem Studienregister, Referenzlisten und Zitationen, Webseiten von relevanten Organisationen, und kontaktierten Autoren von Studien.

Auswahlkriterien: 

Wir schlossen Studien zu verhältnispräventiven Maßnahmen ein, welche Auswirkungen auf direkte oder indirekte Maße für den Konsum von Süßgetränken, ernährungsbezogene anthropometrische Maße und gesundheitsbezogene Endpunkte oder jegliche unerwünschte Wirkungen berichten. Wir nahmen die folgenden Studiendesigns auf: Randomisierte kontrollierte Studien (RCTs), nicht-randomisierte kontrollierte Studien (NRCTs), kontrollierte Vorher-Nachher-Studien und unterbrochene Zeitreihenstudien. Wir beschränkten uns auf Studien, welche unter Realbedinungen umgesetzt wurden, deren Dauer von Intervention und Nachbeobachtungsphase zusammen mindestens 12 Wochen war, und die jeweils mindestens 20 Personen in der Interventions- und Kontrollgruppe untersuchten. Wir schlossen folgende Studien aus: Studien, in denen die Teilnehmenden Süßgetränke im Rahmen klinischer Studien konsumierten; Studien mit Multikomponenten-Interventionen die keine Süßgetränke-spezifische Endpunkte berichteten; Studien zu Süßgetränkesteuern, da diese Gegenstand eines anderen Cochrane-Reviews sind.

Datensammlung und -analyse: 

Die Auswahl der Studien, die Datenextraktion und die Bewertung des Risiko für Bias wurden von zwei unabhängig voneinander arbeitenden Autoren vorgenommen. Wir klassifizierten die Interventionen basierend auf dem NOURISHING-Framework und fassten die Ergebnisse narrativ zusammen. Für zwei Endpunkte von zwei Interventionstypen führten wir Meta-Analysen durch. Wir bewerteten die Vertrauenswürdigkeit der Ergebnisse mit dem GRADE-Ansatz mit sehr niedrig, niedrig, moderat oder hoch und erstellten Ergebnisübersichtstabellen („Summary of findings“-Tabellen).

Hauptergebnisse: 

Wir identifizierten 14.488 einzelne Einträge und prüften 1.030 Volltexte auf Einschlussfähigkeit. Wir fanden 58 Studien, die unseren Einschlusskriterien entsprachen, darunter 22 RCTs, 3 NRCTs, 14 kontrollierte Vorher-Nachher-Studien und 19 unterbrochene Zeitreihenstudien mit insgesamt 1.180.096 Teilnehmenden. Die mediane Dauer der Interventions- und Nachbeobachtungsphase betrug 10 Monate. Die Studien betrachteten Kinder, Jugendliche und Erwachsene und wurden in vielen verschiedenen Settings durchgeführt, darunter Schulen sowie Einrichtungen des Einzelhandels und der Gastronomie. Wir bewerteten das Risiko für Bias der meisten Studien als hoch oder unklar in mindestens einem Bereich. Die Mehrzahl der Studien nutzte nicht-randomisierte Studiendesigns. Die Studien untersuchten viele unterschiedliche Interventionstypen, für welche wir die Ergebnisse separat präsentieren.

Labelling (Kennzeichnung) (8 Studien): Wir fanden Evidenz von moderater Vertrauenswürdigkeit, dass die Ampel-Kennzeichnung von Getränken mit reduzierten Süßgetränkeverkäufen assoziiert ist. Wir fanden Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit, dass dies auch für Kennzeichnungssysteme der Fall ist, die auf numerischen Nährwert-Scores beruhen. Für die Angabe des Kaloriengehalts von Getränken auf Speisekarten variierten die berichteten Effekte.

Ernährungsstandards in öffentlichen Einrichtungen (16 Studien): Wir fanden Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit dafür, dass ein reduziertes Angebot von Süßgetränken in Schulen mit einem reduzierten Konsum dieser assoziiert ist. Wir fanden Evidenz von sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit, dass die verbesserte Verfügbarkeit von Trinkwasser in Schulen sowie Schulobstprogramme mit vermindertem Konsum von Süßgetränken assoziiert ist. Berichtete Zusammenhänge zwischen verbesserter Verfügbarkeit von Trinkwasser in Schulen und dem Körpergewicht von Schülern, variierten.

Ökonomische Ansätze (7 Studien): Wir fanden Evidenz von moderater Vertrauenswürdigkeit dafür, dass Preiserhöhungen auf Süßgetränke mit einem reduzierten Verkauf von diesen assoziiert sind. Die berichteten Effekte von Preisermäßigungen auf kalorienarme Getränke auf den Süßgetränkeabsatz variierten.

Interventionen in der Lebensmittelversorgungskette (3 Studien): Berichtete Assoziationen zwischen freiwilligen Selbstverpflichtungen der Lebensmittelindustrie zur Verbesserung der Lebensmittelversorgung und dem Süßgetränkeabsatz variierten.

Interventionen in Einzelhandel und Gastronomie (7 Studien): Wir fanden Evidenz dazu, dass Kindermenüs mit gesünderen Getränken in Restaurantketten (niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz), sowie verbessertes Marketing für gesündere Getränke in Supermärkten (moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz) jeweils mit einem verringerten Süßgetränkeabsatz assoziiert sind. Wir fanden Evidenz von sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit, dass Stadtplanungsauflagen für neue Fast-Food-Restaurants und Auflagen zu Begrenzungen der Anzahl an Geschäften in entlegenen Gebieten, welche Süßgetränke verkaufen, mit einem verringerten Süßgetränkeabsatz assoziiert sind. Berichtete Assoziationen zwischen einem verbesserten Angebot an gesünderen Getränke in Getränkeautomaten und dem Süßgetränkekonsum oder -absatz variierten.

Sektorübergreifende Ansätze (8 Studien): Wir fanden Evidenz von moderater Vertrauenswürdigkeit, dass öffentliche Lebensmittel-Hilfsprogramme mit Beschränkungen auf den Kauf von Süßgetränken mit einem verringerten Konsum dieser assoziiert sind. Für Lebensmittel-Hilfsprogramme ohne solche Einschränkungen variierten die berichteten Effekte. Wir fanden Evidenz von moderater Vertrauenswürdigkeit, dass lokale Gesundheitskampagnen mit Fokus auf Süßgetränke, die in verschiedenen Settings ansetzen mit einem reduzierten Süßgetränkeabsatz assoziiert sind. Berichtete Assoziationen zwischen Handel- und Investitionsliberalisierung und Süßgetränkeabsatz variierten.

Haushaltsinterventionen (7 Studien): Wir fanden Evidenz von moderater Vertrauenswürdigkeit, dass eine verbesserte Verfügbarkeit von kalorienarmen Getränken in Haushalten mit einem verringerten Süßgetränkekonsum assoziiert ist. Wir fanden Evidenz von hoher Vertrauenswürdigkeit, dass solche Interventionen bei Jugendlichen mit erhöhten Körpergewicht oder Adipositas und einem hohen Ausgangs-Konsumniveau von Süßgetränken mit einer Gewichtsabnahme assoziiert sind.

Einige der Studien berichteten über unerwünschte Effekte, welche unter bestimmten Umständen auftreten können. Zu diesen zählen: Umsatzrückgänge; kompensatorischer Süßgetränkekonsum außerhalb von Schulen, wenn die Verfügbarkeit von Süßgetränken in Schulen reduziert wird; verringerter Milchkonsum; Unzufriedenheit der Betroffenen sowie ein Anstieg des Gesamtenergiegehalts von Lebensmitteleinkäufen, wenn kalorienarme Getränke subventioniert werden. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz zu unerwünschten Effekten war in den meisten Fällen sehr niedrig bis niedrig.

Wir analysierten Interventionen zu gesüßten Milchgetränken separat. Wir fanden Evidenz von niedriger bis moderater Vertrauenswürdigkeit, dass die Kennzeichnung mit Emoticons sowie die Ausgabe von kleinen Belohnungen für die Wahl gesünderer Getränke in Grundschulkantinen mit einem reduzierten Konsum gesüßter Milchgetränke assoziiert sind. Wir fanden Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit, dass die verbesserte Positionierung von ungesüßter Milch in Schulkantinen nicht mit einem geringeren Konsum von gesüßten Milchgetränke assoziiert ist.

Übersetzung: 

Pettenkofer School of Public Health, freigegeben durch Cochrane Deutschland.

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