Unterdruck-Wundtherapie für chirurgische Wunden, die durch Primärverschluss heilen

Schlussfolgerungen der Autoren: 

Bei Personen, die einen primären Wundverschluss ihrer chirurgischen Wunde erhalten und nach der Operation prophylaktisch mit NPWT behandelt werden, treten wahrscheinlich weniger SSI auf als bei Personen, die mit Standardverbänden behandelt werden (moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Es gibt keinen eindeutigen Unterschied in der Anzahl der Todesfälle oder Wunddehiszenz zwischen Personen, die mit NPWT und Standardverbänden behandelt wurden (niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Es gibt auch keine klaren Unterschiede bei den sekundären Endpunkten, bei denen die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz insgesamt niedrig oder sehr niedrig war. Für Kaiserschnitt bei adipösen Frauen und Operationen bei Frakturen der unteren Gliedmaßen gibt es wahrscheinlich nur einen geringen Unterschied in den Lebensqualitäts-Scores (moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz für Schmerzen ist überwiegend sehr niedrig, aber es gibt wahrscheinlich keinen Unterschied bei Schmerzen zwischen NPWT und Standardverbänden nach einer Operation einer Fraktur der unteren Gliedmaßen (moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Bewertungen der Kosteneffektivität der NPWT ergaben unterschiedliche Ergebnisse bei verschiedenen Indikationen. Es gibt eine große Anzahl von laufenden Studien, deren Resultate die Ergebnisse dieses Review verändern könnten. Entscheidungen über den Einsatz von NPWT sollten die chirurgische Indikation und das Setting sowie die Evidenz für alle Endpunkte berücksichtigen.

Den gesamten wissenschaftlichen Abstract lesen...
Hintergrund: 

Die Indikationen für den Einsatz der Unterdruck-Wundtherapie (negative pressure wound therapy, NPWT) sind breit gefächert und umfassen auch die Prophylaxe von chirurgischen Wundinfektionen (surgical site infections, SSI). Die vorhandene Evidenz für die Wirksamkeit von NPWT auf postoperative Wunden, die durch Primärverschluss heilen, ist noch unsicher.

Zielsetzungen: 

Beurteilung der Wirksamkeit und Kosteneffektivität der NPWT zur Prävention von SSI bei Wunden, die durch Primärverschluss heilen.

Suchstrategie: 

Im Juni 2019 durchsuchten wir das Cochrane Wounds Specialised Register, das Cochrane Central Register of Controlled Trials (CENTRAL), Ovid MEDLINE (einschließlich In-Process & Other Non-Indexed Citations), Ovid Embase und EBSCO CINAHL Plus. Wir durchsuchten auch Register für klinische Studien und Referenzen von eingeschlossenen Studien, systematische Reviews und Health Technology Berichte. Es gab keine Einschränkungen bezüglich Sprache, Publikationsdatum oder Studiensetting.

Auswahlkriterien: 

Wir schlossen Studien ein, wenn sie die Teilnehmenden zufällig der Behandlung zuordneten und die NPWT mit irgendeiner anderen Art von Wundverband verglichen oder eine Art von NPWT mit einer anderen Art von NPWT verglichen.

Datensammlung und ‐analyse: 

Mindestens zwei Review-Autoren bewerteten die Studien unabhängig voneinander anhand vorgegebener Einschlusskriterien. Wir führten die Datenextraktion, die Bewertung mit dem Cochrane 'Risk of bias' Tool und die Qualitätsbewertung gemäß der Methodik des Grading of Recommendations, Assessment, Development and Evaluations durch.

Hauptergebnisse: 

In dieser dritten Aktualisierung fügten wir 15 neue randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und drei neue ökonomische Studien hinzu, was eine Gesamtzahl von 44 RCTs (7447 eingeschlossene Teilnehmende) und fünf ökonomische Studien ergibt. Die Studien untersuchten NPWT im Rahmen einer Vielzahl von Operationen, darunter orthopädische, geburtshilfliche, vaskuläre und allgemeine Eingriffe. Ökonomische Studien bewerteten NPWT in orthopädischen, geburtshilflichen und allgemeinchirurgischen Settings. Alle Studien verglichen NPWT mit Standardverbänden. Die meisten Studien hatten ein unklares oder hohes Risiko für Bias in mindestens einer Hauptdomäne.

Primäre Endpunkte

Vier Studien (2107 Teilnehmende) berichteten über die Sterblichkeit. Es besteht Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit (zweimal wegen unzureichender Präzision herabgestuft) bezüglich keines klaren Unterschiedes im Sterberisiko nach einer Operation für Personen, die mit NPWT (2,3 %) im Vergleich zu Standardverbänden (2,7 %) behandelt wurden (relatives Risiko (RR) 0,86; 95 % Konfidenzintervall (KI) 0,50 bis 1,47; I2 = 0 %). Neununddreißig Studien berichteten über SSI; 31 davon (6204 Teilnehmende) wurden in die Metaanalyse einbezogen. Es besteht Evidenz von moderater Vertrauenswürdigkeit (einmal herabgestuft wegen Risiko für Bias), dass NPWT wahrscheinlich zu weniger SSI (8,8 % der Teilnehmenden) führt als die Behandlung mit Standardverbänden (13,0 % der Teilnehmenden) nach einer Operation; RR 0,66 (95 % KI 0,55 bis 0,80 ; I2 = 23 %). Achtzehn Studien berichteten über Dehiszenz; 14 davon (3809 Teilnehmende) wurden in die Metaanalyse einbezogen. Es besteht Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit (einmal wegen Risiko für Bias und einmal wegen unzureichender Präzision herabgestuft) bezüglich keines klaren Unterschiedes im Risiko für Dehiszenz nach einer Operation für Personen, die mit NPWT (5,3 % der Teilnehmenden) im Vergleich zu Standardverbänden (6,2 % der Teilnehmenden) behandelt wurden (RR 0,88, 95 % KI 0,69 bis 1,13; I2 = 0 %).

Sekundäre Endpunkte

Es besteht Evidenz von niedriger Vertrauenswürdigkeit bezüglich keines klaren Unterschiedes zwischen NPWT und Standardbehandlung für die Endpunkte der Reoperation und die Inzidenz von Seromen. Für Reoperationen betrug das RR 1,04 (95 % KI 0,78 bis 1,41; I2 = 13 %; 12 Studien; 3523 Teilnehmende); für Serome betrug das RR 0,72 (95 % KI 0,50 bis 1,05; I2 = 0 %; sieben Studien; 729 Teilnehmende). Der Effekt der NPWT bezüglich des Auftretens von Hämatomen oder Hautblasen ist unsicher (sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz); für Hämatome war das RR 0,67 (95 % KI 0,28 bis 1,59; I2 = 0 %; neun Studien; 1202 Teilnehmende) und für Blasen war das RR 2,64 (95 % KI 0,65 bis 10,68; I2 = 69 %; sieben Studien; 796 Teilnehmende). Die Gesamtwirkung der NPWT auf Schmerz ist ungewiss (sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz aus sieben Studien (2218 Teilnehmende), die über unterschiedliche Schmerzmessungen berichteten); aber Evidenz von moderater Vertrauenswürdigkeit deutet darauf hin, dass es wahrscheinlich nur einen geringen Unterschied zwischen den Gruppen in Bezug auf Schmerz nach drei oder sechs Monaten nach einer Operation einer Fraktur der unteren Gliedmaßen gibt (eine Studie, 1549 Teilnehmende). Auch für Frauen, die sich einem Kaiserschnitt unterziehen (eine Studie, 876 Teilnehmerinnen) und für Menschen, die wegen Frakturen der unteren Gliedmaßen operiert werden (eine Studie, 1549 Teilnehmende), gibt es Evidenz von moderater Vertrauenswürdigkeit, dass es wahrscheinlich nur einen geringen Unterschied in Lebensqualitäts-Scores nach 30 Tagen bzw. 3 oder 6 Monaten gibt.

Kostenwirksamkeit

Fünf ökonomische Studien, die ganz oder teilweise auf den in unserem Review enthaltenen Studien basieren, bewerteten die Kosteneffektivität der NPWT im Vergleich zur Standardversorgung. Sie betrachteten die NPWT bei vier Indikationen: Kaiserschnitte bei adipösen Frauen; Operationen bei Frakturen der unteren Gliedmaßen; Knie-/Hüftgelenksarthroplastik und koronare Bypassoperationen. Sie berechneten qualitätsbereinigte Lebensjahre für die Behandlungsgruppen und erstellten Schätzungen der relativen Kosteneffektivität der Behandlungen. Die Qualität der Berichterstattung war gut, aber die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz variierte von moderat bis sehr niedrig. Es besteht Evidenz von moderater Vertrauenswürdigkeit, dass NPWT in der Chirurgie von Frakturen der unteren Gliedmaßen bei keinem Grenzwert der Zahlungsbereitschaft kosteneffektiv war und dass NPWT bei adipösen Frauen, die sich einem Kaiserschnitt unterziehen, wahrscheinlich kosteneffektiv ist. Andere Studien fanden Evidenz von niedriger oder sehr niedriger Vertrauenswürdigkeit dafür, dass NPWT für die untersuchten Indikationen kosteneffektiv sein könnte.

Übersetzung: 

E.M. Panfil, freigegeben durch Cochrane Deutschland

Tools
Information

Cochrane Kompakt ist ein Gemeinschaftsprojekt von Cochrane Schweiz, Cochrane Deutschland und Cochrane Österreich. Wir danken unseren Sponsoren und Unterstützern. Eine Übersicht finden Sie hier.