Sind Kortikosteroide (entzündungshemmende Medikamente), die oral oder per Injektion verabreicht werden, eine wirksame Behandlung für Menschen mit COVID-19?

Hauptaussagen

• Kortikosteroide (entzündungshemmende Medikamente), die oral oder per Injektion (systemisch) verabreicht werden, sind wahrscheinlich wirksame Behandlungen für Menschen, die mit COVID-19 hospitalisiert werden. Wir wissen nicht, ob sie unerwünschte Wirkungen verursachen.

• Wir wissen nicht, welches systemische Kortikosteroid am wirksamsten ist. Wir fanden keine Evidenz zu Menschen ohne Symptome oder einem milden COVID-19-Verlauf, die nicht ins Krankenhaus aufgenommen wurden.

• Wir fanden 42 noch nicht abgeschlossene Studien und 16 abgeschlossene Studien, die ihre Ergebnisse nicht veröffentlicht haben. Wir werden diesen Review aktualisieren, sobald wir neue Evidenz finden.

Was sind Kortikosteroide?

Kortikosteroide sind entzündungshemmende Medikamente, die Rötungen und Schwellungen lindern. Sie senken außerdem die Aktivität des Immunsystems, welches den Körper gegen Krankheiten und Infektionen schützt. Kortikosteroide werden verwendet, um eine Vielzahl von Erkrankungen, wie Asthma, Ekzem, Gelenkbeschwerden und rheumatoide Arthritis, zu behandeln.

Systemische Kortikosteroide können geschluckt oder per Injektion verabreicht werden, um den gesamten Körper zu behandeln. Hohe Dosen von Kortikosteroiden, die über einen langen Zeitraum verabreicht werden, könnten unerwünschte Wirkungen auslösen, wie gesteigerten Appetit, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen.

Warum sind Kortikosteroide eine mögliche Behandlung für COVID-19?

COVID-19 wirkt sich auf die Lungen und Atemwege aus. Während das Immunsystem das Virus bekämpft, entzünden sich die Lungen und Atemwege, was zu Atembeschwerden führt. Kortikosteroide lindern Entzündungen und senken so möglicherweise den Bedarf an Atemunterstützung durch ein Beatmungsgerät (eine Maschine, die für den Patienten atmet). Das Immunsystem einiger Patienten reagiert übermäßig auf das Virus und verursacht weitere Entzündungen und Gewebeschäden; Kortikosteroide helfen möglicherweise, diese Reaktion zu kontrollieren.

Was wollten wir herausfinden?

Wir wollten herausfinden, ob systemische Kortikosteroide eine wirksame Behandlung für Menschen mit COVID-19 darstellen und ob sie unerwünschte Wirkungen verursachen.

Wir interessierten uns für:

• Todesfälle jeglicher Ursache bis zu 14 Tage nach der Behandlung, oder länger, falls darüber berichtet wurde;
• ob sich der Zustand der Personen nach der Behandlung verbesserte oder verschlechterte, basierend auf ihrem Bedarf an Atemunterstützung;
• Lebensqualität;
• unerwünschte Wirkungen und Infektionen, mit denen sich der Patient im Krankenhaus ansteckte.

Wie sind wir vorgegangen?
Wir suchten nach Studien, die systemische Kortikosteroide für Menschen mit mildem, moderatem oder schwerem COVID-19 untersuchten. Personen jeden Alters, jeden Geschlechts und jeder ethnischer Zugehörigkeit wurden berücksichtigt.

Die Studien konnten folgende Vergleiche durchführen:

• Kortikosteroide plus Regelversorgung versus Regelversorgung mit oder ohne Placebo (Scheinmedikament);
• ein Kortikosteroid versus ein anderes;
• Kortikosteroide versus ein anderes Medikament;
• verschiedene Dosen eines Kortikosteroids; oder
• frühe versus späte Behandlung.

Wir verglichen und fassten die Ergebnisse der Studien zusammen und bewerteten unser Vertrauen in die Evidenz, basierend auf Faktoren wie Größe und Methoden der Studie.

Was fanden wir heraus?

Wir fanden 11 Studien mit 8075 Menschen. Ungefähr 3000 Personen erhielten Kortikosteroide, hauptsächlich Dexamethason (2322 Menschen). Die meisten Studien fanden in einkommensstarken Ländern statt.

Außerdem fanden wir 42 laufende Studien und 16 abgeschlossene Studien, die ihre Ergebnisse noch nicht veröffentlicht haben.

Die wichtigsten Ergebnisse

Zehn Studien verglichen Kortikosteroide plus Regelversorgung mit Regelversorgung mit oder ohne Placebo. Nur eine Studie verglich zwei Kortikosteroide. Die Studien schlossen nur Menschen in Krankenhäusern ein, bei denen COVID-19 vermutet oder nachgewiesen wurde. Keine der Studien betrachtete Menschen außerhalb des Krankenhauses, verschiedene Dosierungen oder Zeitpläne oder lieferte Informationen zur Lebensqualität.

Kortikosteroide plus Regelversorgung verglichen mit Regelversorgung mit oder ohne Placebo (10 Studien)

• Kortikosteroide senken wahrscheinlich leicht die Zahl der Todesfälle jeglicher Ursache, bis zu 60 Tage nach der Behandlung (9 Studien, 7930 Menschen).
• Eine Studie (299 Menschen) berichtete, dass Menschen, die zu Beginn der Studie beatmet wurden, mit Kortikosteroiden mehr beatmungsfreie Tage hatten als mit der Regelversorgung. Kortikosteroide verbessern also möglicherweise die Symptome.
• Vier Studien (427 Menschen) berichteten darüber, ob Menschen, die zu Behandlungsbeginn nicht beatmet wurden, später ein Beatmungsgerät benötigten. Allerdings konnten wir die Ergebnisse der Studien nicht zusammenfassen, daher sind wir unsicher, ob die Symptome durch Kortikosteroide oder Regelversorgung schlechter werden.
• Wir wissen nicht, ob Kortikosteroide schwerwiegende unerwünschte Wirkungen (2 Studien, 678 Menschen), jegliche unerwünschten Wirkungen (5 Studien, 660 Menschen) oder im Krankenhaus eingefangene Infektionen (5 Studien, 660 Menschen) erhöhen oder senken.

Methylprednisolon versus Dexamethason (1 Studie, 86 Menschen)

• Wir wissen nicht, ob das Kortikosteroid Methylprednisolon die Zahl der Todesfälle jeglicher Ursache im Vergleich mit Dexamethason in den 28 Tagen nach der Behandlung senkt.
• Wir wissen nicht, ob Methylprednisolon die Symptome der Personen im Vergleich mit Dexamethason verschlechtert, basierend darauf, ob sie in den 28 Tagen nach der Behandlung beatmet werden mussten.
• Die Studie lieferte keine Informationen zu anderen Punkten, die uns interessierten.

Was sind die Einschränkungen der Evidenz?

Wir haben moderates Vertrauen in die Evidenz zu den Wirkungen von Kortikosteroiden auf Todesfälle jeglicher Ursache. Allerdings ist unser Vertrauen in die restliche Evidenz niedrig bis sehr niedrig, da die Studien nicht die robustesten Methoden nutzten und die Art, wie Ergebnisse dokumentiert und berichtet wurden, von Studie zu Studie unterschiedlich war. Wir fanden keine Evidenz zur Lebensqualität und es gab keine Evidenz aus einkommensschwachen Ländern oder zu Menschen mit mildem oder asymptomatischem COVID-19-Verlauf, die nicht im Krankenhaus waren.

Wie aktuell ist diese Evidenz?

Unsere Evidenz ist auf dem Stand vom 16. April 2021.

Anmerkungen zur Übersetzung: 

W. Siemens, freigegeben durch Cochrane Deutschland

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