Perioperative Ernährungsinterventionen im Rahmen einer radikalen Zystektomie bei Harnblasenkarzinom

Schlussfolgerungen der Autoren: 

Die Evidenz für einen Nutzen perioperativer Ernährungsinterventionen ist aufgrund der wenigen, kleinen und veralteten Studien mit schwerwiegenden methodischen Einschränkungen limitiert. Insgesamt wurde die Qualität der Evidenz als niedrig oder sehr niedrig eingestuft. Das unterstreicht den dringenden Bedarf an hochwertigen Forschungsstudien in Bezug auf perioperative Ernährungsinterventionen bei Zystektomiepatienten.

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Hintergrund: 

Die radikale Zystektomie ist die primäre operative Behandlung für das muskelinvasive Urothelkarzinom der Harnblase. Dieser Eingriff ist in der Regel mit einem längeren Krankenhausaufenthalt, einer längeren Rekonvaleszenz und potenziell größeren Komplikationen assoziiert. Ernährungsinterventionen sind bei einigen Personen mit anderen Tumorentitäten von Vorteil und könnten deshalb auch bei Zystektomiepatienten hilfreich sein.

Zielsetzungen: 

Ziel dieses Reviews ist die Bewertung der Wirkung perioperativer Ernährungsinterventionen bei Menschen, die sich einer radikalen Zystektomie zur Behandlung eines Harnblasenkarzinoms unterziehen.

Suchstrategie: 

Die Autoren führten eine umfassende Literaturrecherche in mehreren Datenbanken (Evidence Based Medicine Reviews, MEDLINE, Embase, AMED, CINAHL), Studienregistern, anderen Quellen grauer Literatur und Konferenzberichten durch, die bis zum 22. Februar 2019 veröffentlicht wurden. Es wurden keine Einschränkungen hinsichtlich der Sprache oder des Status der Veröffentlichung vorgenommen.

Auswahlkriterien: 

Es wurden randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) mit parallelen Gruppen und erwachsenen Blasenkrebspatienten eingeschlossen, die sich einer radikalen Zystektomie unterzogen. Die Intervention war jegliche Form der perioperativen Ernährungsunterstützung.

Datensammlung und ‐analyse: 

Zwei Review-Autoren bewerteten unabhängig voneinander die Einschlussfähigkeit der Studien, extrahierten Daten und bewerteten das Risiko für Bias sowie die Qualität der Evidenz unter Verwendung von GRADE. Primäre Endpunkte waren postoperative Komplikationen innerhalb von 90 Tagen und die Dauer des Krankenhausaufenthalts. Der sekundäre Endpunkt war die Sterblichkeit innerhalb der ersten 90 Tage nach der Operation. Wenn keine Daten über die Endpunkte nach 90-Tagen vorlagen, wurden die berichteten 30 Tage-Daten verwendet.

Hauptergebnisse: 

Insgesamt wurden mit der Suche acht Studien mit 500 Teilnehmenden gefunden. Sechs Studien wurden in den USA und zwei in Europa durchgeführt.

1. Parenterale Ernährung versus orale Ernährung: Basierend auf einer Studie mit 157 Teilnehmenden kann die Durchführung einer parenteralen Ernährung postoperative Komplikationen innerhalb der ersten 30 Tagen möglicherweise erhöhen (RR 1,40, 95% Konfidenzinterall (KI) 1,07-1,82; niedrige Qualität der Evidenz). Die Qualität der Evidenz wurde aufgrund schwerwiegender Studieneinschränkungen (unklares Risiko für Selection-Bias, Performance-Bias und Selective-Reporting-Bias) sowie schwerwiegender unzureichender Präzision herabgestuft. Dies entspricht 198 Komplikationen mehr pro 1000 Teilnehmenden (95% KI 35 mehr bis 405 mehr). Die Dauer des Krankenhausaufenthalts ist möglicherweise ähnlich (mittlere Differenz (MD) 0,5 Tage länger, KI nicht berichtet; niedrige Qualität der Evidenz).

2. Immunstärkende Ernährung im Vergleich zu Standardernährung: basierend auf einer Studie mit 29 Teilnehmenden lassen sich durch eine immunstärkende Ernährung die postoperativen 90-Tage- Komplikationen möglicherweise reduzieren (RR 0,31, 95% KI 0,08-1,23; niedrige Qualität der Evidenz). Diese Ergebnisse entsprechen 322 weniger Komplikationen pro 1000 Teilnehmenden (95% KI 429 weniger bis 107 mehr). Die Dauer des Krankenhausaufenthalts ist möglicherweise ähnlich (MD 0,20 Tage, 95% KI 1,69 kürzer - 2,09 länger; niedrige Qualität der Evidenz). Die Qualität der Evidenz wurde für beide Endpunkte aufgrund sehr schwerwiegender unzureichender Präzision herabgestuft.

3. Präoperative orale Ernährungsunterstützung im Vergleich zu normaler Ernährung: Basierend auf einer Studie mit 28 Teilnehmenden ist es sehr unsicher, ob eine präoperative orale Ergänzungsunterstützung postoperative Komplikationen vermindert. Die Qualität der Evidenz wurde aufgrund schwerwiegender Studieneinschränkungen (unklares Risiko für Selection-Bias, Performance-Bias, Attrition-Bias und Selective-Reporting-Bias) sowie sehr schwerwiegender unzureichender Präzision herabgestuft. Über die Dauer des Krankenhausaufenthalts wurde in der Studie nicht berichtet.

4. Früher postoperativer Kostaufbau im Vergleich zu einem postoperativen Standardmanagement: Basierend auf einer Studie mit 102 Teilnehmenden erhöht ein früher postoperativer Kostaufbau möglicherweise die postoperative Komplikationsrate (sehr niedrige Qualität der Evidenz), wobei das Ergebnis sehr unsicher ist. Die Qualität der Evidenz wurde aufgrund schwerwiegender Studieneinschränkungen (unklares Risiko für Selection- und Performance-Bias) sowie sehr schwerwiegender unzureichender Präzision herabgestuft. Die Dauer des Krankenhausaufenthalts ist möglicherweise vergleichbar (MD 0,95 Tage kürzer, KI nicht berichtet; niedrige Qualität der Evidenz). Die Qualität der Evidenz wurde aufgrund schwerwiegender Studieneinschränkungen (unklares Risiko für Selection- und Performance-Bias) sowie schwerwiegender unzureichender Präzision herabgestuft.

5. Gabe von Aminosäuren mit Dextrose versus Dextrose: Basierend auf zwei Studien mit 104 Teilnehmenden ist sehr unsicher, ob Aminosäuren postoperative Komplikationen reduzieren (sehr niedrige Qualität der Evidenz). Es besteht zudem große Unsicherheit, ob die Dauer des Krankenhausaufenthalts ähnlich ist (sehr niedrige Qualität der Evidenz). Die Qualität der Evidenz wurde für beide Endpunkte aufgrund schwerwiegender Studieneinschränkungen (unklares und hohes Risiko für Selection-Bias; unklares Risiko für Performance-, Detection- und Selective-Reporting-Bias), schwerwiegender Indirektheit in Bezug auf die Patientenpopulation sowie sehr schwerwiegender unzureichender Präzision herabgestuft.

6. Gabe von verzweigtkettigen Aminosäuren im Vergleich zu Dextrose allein: Basierend auf einer Studie mit 19 Teilnehmenden ist sehr unsicher, ob die Komplikationsraten ähnlich sind (sehr niedrige Qualität der Evidenz). Die Qualität der Evidenz wurde aufgrund schwerwiegender Studieneinschränkungen (unklares Risiko für Selection-, Performance-, Detection-, Attrition-, und Selective-Reporting-Bias), schwerwiegender Indirektheit in Bezug auf die Patientenpopulation sowie sehr schwerwiegender unzureichender Präzision herabgestuft. Über die Dauer des Krankenhausaufenthalts wurde in der Studie nicht berichtet.

7. Perioperative orale Nahrungsergänzungsmittel im Vergleich zu oralen Multivitamin- und Mineralstoffergänzungen: basierend auf einer Studie mit 61 Teilnehmenden verringern orale Nahrungsergänzungsmittel im Vergleich mit Multivitamin- und Mineralstoffergänzungen postoperative Komplikationen möglicherweise leicht (niedrige Qualität der Evidenz). Diese Ergebnisse entsprechen 135 weniger Komplikationen pro 1000 Teilnehmenden (95% KI 256 weniger bis 65 mehr). Die Dauer des Krankenhausaufenthalts ist möglicherweise ähnlich (niedrige Qualität der Evidenz). Die Qualität der Evidenz beider Endpunkte wurde aufgrund von Studieneinschränkungen und unzureichender Präzision herabgestuft.

Übersetzung: 

D. Dräger, freigegeben durch Cochrane Deutschland

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