Operative Behandlung verglichen mit nicht-operativer Behandlung nach Kniescheibenluxation

Hintergrund

Die Patella oder Kniescheibe ist ein linsenförmiger Knochen an der Vorderseite des Knies. Sie ist in die Sehne des Quadrizeps-Muskels des Oberschenkels eingebettet und gleitet in einer Rinne am unteren Ende des Oberschenkelknochens (Femur). Eine Patellaluxation tritt auf, wenn die Patella vollständig aus dieser Rinne „springt“. Sie tritt typischerweise bei jungen und körperlich aktiven Menschen durch ein geringfügiges Verletzungsereignis auf, wenn diese das gebeugte Knie mit am Boden fixiertem Fuß, beispielsweise während sportlicher Aktivitäten, verdrehen. Das häufigste wiederkehrend auftretende Symptom, von dem Betroffene berichten, ist eine Patella- bzw. Kniescheibeninstabilität. Eine Patellaluxation kann mit einer anormalen Form der Kniegelenksknochen, einer Schwäche der hüft- oder knieumgebenden Muskulatur oder einer erhöhten Spannung der Weichteile an der Außenseite des Knies in Zusammenhang stehen.

Bei einer Patellaluxation werden die Weichteile des Kniegelenks verletzt, was eine Phase von Rehabilitation erfordert. Diese kann Behandlungen wie Ruhigstellung und Versorgung mit einer Schiene (zur Einschränkung der Kniebewegung), Übungen, Manuelle Therapie, Tape sowie elektrotherapeutische Maßnahmen wie beispielsweise therapeutischer Ultraschall oder Elektrostimulation beinhalten. Manche Operateure vertreten hingegen die Ansicht, dass das Ergebnis durch eine Operation verbessert werden könnte, in der die verletzten Bänder und Muskeln wiederhergestellt oder nachgebildet (rekonstruiert) werden, der untere Oberschenkelknochen (Femur) umgeformt wird oder die Position des Ansatzes der Patella am Schienbeinknochen (Tibia) verändert wird, um eine erneute Luxation zu verhindern.

Ergebnisse der Suche und Beschreibung der Studien

Dies ist eine Aktualisierung eines früheren Cochrane Reviews. Wir durchsuchten die medizinische Literatur bis Oktober 2014 und fanden sechs für den Review bedeutsame Studien (344 Teilnehmer), die die Ergebnisse einer Operation verglichen mit einer nicht-operativen Behandlung bei Menschen mit einer Kniescheibenluxation, untersuchten. In den Studien wurden die Teilnehmer zufällig einer operativen oder nicht-operativen Behandlungsgruppe zugeteilt. Alle Studienteilnehmer wurden nach einer erstmaligen Luxation behandelt. Das Durchschnittsalter in den einzelnen Studien lag zwischen 19 und 26 Jahren; vier der Studien schlossen sowohl Kinder, überwiegend Jugendliche, als auch Erwachsene ein. Der Nachbeobachtungs-Zeitraum (der Zeitraum, in dem Nachuntersuchungen durchgeführt wurden) für die Studienteilnehmer in den sechs eingeschlossenen Studien erstreckte sich von zwei bis neun Jahren.

Hauptergebnisse

Der Review ergab Evidenz (wissenschaftlicher Beleg) für ein geringeres Risiko wiederholter Kniescheibenluxationen nach erstmaliger Luxation bei der Nachbeobachtung nach zwei bis fünf Jahren für diejenigen Personen, die sich einer Operation unterzogen, verglichen mit einer nicht-operativen Behandlung. Es gab schwächere Evidenz für ein geringeres Risiko bei der Nachbeobachtung nach sechs bis neun Jahren, und ein erhöhtes Risiko nach Operation konnte nicht ausgeschlossen werden. Sehr begrenzte Evidenz für (von den Patienten) selbsterhobene Messungen der Knie- und körperlichen Funktionsfähigkeit zeigten keinen Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Obwohl Evidenz in Bezug auf eine spezielle Ergebnismessung für Kniescheibenproblematiken bei der Nachbeobachtung nach zwei bis fünf Jahren für die operative Behandlung sprach, zeigte die Evidenz bei der Nachbeobachtung nach sechs bis neun Jahren keinen Vorteil der Operation und sprach tendenziell für die nicht-operative Behandlung. Nur eine Studie machte Angaben zu nachteiligen Auswirkungen der Behandlung. Diese gab vier bedeutsame Komplikationen nach Operationen an. Obwohl geringfügig mehr Personen in der operativen Gruppe nach sechs bis neun Jahren erneut operiert wurden, war die Evidenz für diesen Endpunkt (Zielkriterium) nicht eindeutig.

Qualität der Evidenz

Die Studien waren klein und zeigten einige Schwächen in ihrem Aufbau und ihrer Durchführung. Insgesamt ist die Qualität der Evidenz sehr niedrig, weshalb wir hinsichtlich der Ergebnisse sehr unsicher sind.

Schlussfolgerungen

Wir folgern aus unserem Review, dass die Evidenz nicht von ausreichender Qualität ist, um einen bedeutsamen Unterschied im Ergebnis zwischen einer operativen und nicht-operativen anfänglichen Behandlung von Personen nach erstmaliger Luxation ihrer Kniescheibe zu bestätigen. Es gab keine Studien über Personen mit wiederholt auftretender (rezidivierender) Patellaluxation.Wissenschaftliche Studien von guter Qualität sind erforderlich, die auf der übereinstimmenden Meinung von Experten (Experten-Konsens) zum Beschwerdebild und zu Behandlungsmaßnahmen beruhen und eine große Personenzahl einschließen.

Übersetzung: 

M. Lohkamp, C. Braun, N. Jahnke, Koordination durch Cochrane Schweiz

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