Wie wirksam sind während der Schwangerschaft oder nach der Geburt durchgeführte Beckenbodenübungen zur Vorbeugung oder Behandlung einer Inkontinenz?

Reviewfrage

In diesem Review sollte ermittelt werden, ob die Durchführung von Beckenbodenübungen während der Schwangerschaft oder nach der Geburt eine Inkontinenz verhindert oder verringert. Dies ist eine Aktualisierung eines 2012 veröffentlichten Reviews.

Hintergrund

Bei mehr als einem Drittel aller Frauen kommt es im zweiten und dritten Drittel der Schwangerschaft zu einem ungewollten (unfreiwilligen) Verlust von Urin (Harninkontinenz, Urininkontinenz), und ungefähr ein Drittel verliert während der ersten drei Monate nach der Geburt Urin. Bei ungefähr einem Viertel aller Frauen kommt es in der späten Schwangerschaft zu einem ungewollten Abgang von Blähungen (Darmwinden) oder Stuhl (Stuhlinkontinenz), und ein Fünftel hat noch ein Jahr nach der Geburt ungewollten Abgang von Blähungen oder Stuhl. Zur Vorbeugung oder Behandlung einer Inkontinenz wird von Ärzten und Therapeuten häufig die Durchführung von Beckenbodenübungen während der Schwangerschaft und nach der Geburt empfohlen. Durch die regelmäßige Durchführung von Beckenbodenübungen werden die Muskeln gekräftigt und kräftig gehalten. Die Muskeln werden dabei mehrmals in Folge angespannt, häufiger als einmal am Tag, an mehreren Tagen je Woche und in zeitlich unbegrenzter Fortführung.

Wie aktuell ist dieser Review?

Die Evidenz (wissenschaftlicher Beleg) ist auf dem Stand vom 16. Februar 2017.

Studienmerkmale

Wir schlossen 38 Studien (17 neue in dieser Aktualisierung) mit 9892 Frauen aus 20 Ländern ein. In den Studien wurden schwangere Frauen oder Frauen, die ihr Baby innerhalb der vorangegangenen drei Monate geboren hatten, untersucht. Die Frauen berichteten von ungewolltem Verlust von Urin, Stuhl, Urin und Stuhl oder keinem Verlust. Sie wurden zufällig der Durchführung von Beckenbodenübungen (zur Vorbeugung oder Behandlung einer Inkontinenz) oder keiner Durchführung von Beckenbodenübungen zugeteilt, und die Wirkungen wurden verglichen.

Finanzielle Förderquellen der Studien

Neunzehn Studien wurden öffentlich gefördert. Eine erhielt Förderung aus öffentlichen und privaten Quellen. Drei Studien erhielten keine Förderung und 15 machten keine Angaben zu Förderquellen.

Hauptergebnisse

Schwangere Frauen ohne Harninkontinenz (ungewolltem Urinverlust), die Beckenbodenübungen zur Vorbeugung einer Inkontinenz durchführten: diese Frauen berichten möglicherweise in der späten Schwangerschaft und drei bis sechs Monate nach der Geburt über weniger ungewollten Urinverlust. Die Daten waren unzureichend um zu ermitteln, ob diese Wirkung über das erste Jahr nach der Geburt hinaus anhält.

Frauen mit Harninkontinenz, während der Schwangerschaft oder nach der Geburt, die Beckenbodenübungen als Behandlung durchführten: es war unklar, ob die Durchführung von Beckenbodenübungen während der Schwangerschaft den ungewollten Urinverlust in der späten Phase oder innerhalb des Jahres nach der Geburt verringerte. Es war unklar, ob die Durchführung von Beckenbodenübungen Frauen mit ungewolltem Urinverlust nach der Geburt half.

Frauen mit oder ohne Harninkontinenz (gemischte Gruppe), während der Schwangerschaft oder nach der Geburt, die Beckenbodenübungen entweder zur Vorbeugung oder zur Behandlung einer Inkontinenz durchführten: Frauen, die mit dem Üben während der Schwangerschaft begannen, berichteten seltener von ungewolltem Urinverlust während der späten Schwangerschaft und bis zu sechs Monate nach der Geburt, es war jedoch unklar, ob diese Wirkung bis zu einem Jahr nach der Geburt anhielt. Bei Frauen, die mit der Durchführung von Beckenbodenübungen nach der Geburt begannen, war die Wirkung auf den ungewollten Urinverlust ein Jahr nach der Geburt unklar.

Stuhlinkontinenz (ungewollter Abgang von Stuhl): nur wenige Studien (lediglich sechs) erbrachten Evidenz zur Stuhlinkontinenz. Ein Jahr nach der Geburt war unklar, ob die Durchführung von Beckenbodenübungen Frauen, die nach der Geburt mit dem Üben begannen, zur Verringerung von ungewolltem Stuhlabgang beitrug. Es war außerdem unklar, ob Frauen mit oder ohne Stuhlinkontinenz (gemischte Gruppe), die mit der Durchführung von Beckenbodenübungen während der Schwangerschaft begannen, in der späten Phase oder bis zu einem Jahr nach der Geburt seltener ungewollten Stuhlabgang hatten.

Es gab nur wenige Informationen über die mögliche Wirkung der Durchführung von Beckenbodenübungen auf die Lebensqualität. Es gab zwei Berichte von Beckenbodenschmerzen; weitere schädliche (nachteilige) Wirkungen der Beckenbodenübungen wurden jedoch nicht berichtet. Es gibt keine Kenntnisse zum Kosten-Nutzen-Verhältnis von Beckenbodenübungen, da keine der Studien eine entsprechende (gesundheitsökonomische) Analyse beinhaltete.

Qualität der Evidenz

Insgesamt waren die Studien nicht sehr groß und die meisten hatten Schwächen in ihrer Gestaltung, darunter eingeschränkte Angaben zu Details dazu, wie die Frauen den Studiengruppen zufällig zugeteilt wurden und eine mangelhafte Berichterstattung zu den Messungen. Einige der Probleme waren zu erwarten, da es nicht möglich war, die Therapeuten oder Frauen darüber in Unkenntnis zu lassen, ob sie Übungen durchführten oder nicht (das heißt sie zu verblinden). Die Beckenbodenübungen unterschieden sich erheblich zwischen den Studien und waren oft unzureichend beschrieben. Die Qualität der Evidenz war insgesamt niedrig bis sehr niedrig.

Übersetzung: 

Übersetzung: C. Braun, T. Bossmann, Koordination durch Cochrane Deutschland

Tools
Information
Share/Save

Cochrane Kompakt ist ein Gemeinschaftsprojekt von Cochrane Schweiz, Cochrane Deutschland und Cochrane Österreich. Wir danken unseren Sponsoren und Unterstützern. Eine Übersicht finden Sie hier.