Können reisebezogene Kontrollmaßnahmen die Ausbreitung der COVID-19-Pandemie eindämmen?

Was sind reisebezogene Kontrollmaßnahmen?

Um die Ausbreitung von COVID-19 einzudämmen, haben zahlreiche Länder Kontrollmaßnahmen mit Bezug auf den internationalen Reiseverkehr eingeführt. Diese beinhalten:

- Vollständige Schließung der Grenzen (d.h. ein vollständiges Verbot aller Grenzübergänge);

- Teilweise Reisebeschränkungen (z.B. Beschränkungen nur für Flugreisen oder Beschränkungen für Reisende aus bestimmten Ländern);

- Einreise- oder Ausreisescreening (z.B. Maßnahmen, bei denen Reisende nach Symptomen gefragt, körperlich untersucht oder auf Infektionen getestet werden, wenn sie ein Land verlassen oder betreten);

- Quarantäne von Reisenden (z.B. Maßnahmen, bei denen Reisende nach dem Grenzübertritt für einige Zeit zu Hause oder an einem bestimmten Ort unter Quarantäne verbleiben müssen).

Einige Länder haben ähnliche reisebezogene Kontrollmaßnahmen eingeführt während der jüngsten Ausbrüche von zwei ähnlichen Krankheiten, SARS (severe acute respiratory syndrome) und MERS (Middle East respiratory syndrome).

Was wollten wir herausfinden?

Wir wollten herausfinden, wie wirksam reisebezogene Kontrollmaßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie sind. Wir wollten auch wissen, wie hoch die Kosten der Maßnahmen sind und welche Auswirkungen sie auf die Gesundheitsversorgung und andere systemische Ressourcen haben, sowie mögliche negative Auswirkungen, etwa Isolationsgefühle.

Unsere Vorgehensweise

Wir suchten nach Studien über die Auswirkungen von reisebezogenen Kontrollmaßnahmen auf die Ausbreitung von COVID-19 sowie von SARS und MERS, um zusätzliche Informationen zu erhalten. Die Studien mussten angeben, wie viele Fälle (Menschen mit Infektion) durch die Maßnahmen verhindert oder identifizierten wurden und ob die Maßnahmen den Verlauf der Epidemie veränderten. Die Studien konnten Menschen jeden Alters und von überall miteinschließen. Sie konnten jegliches Studiendesign haben, etwa Studien mit realen Daten (Beobachtungsstudien) oder mit hypothetischen Daten von computergenerierten Simulationen (Modellierungsstudien).

Wir schlossen Studien ein, die bis zum 26. Juni 2020 veröffentlicht wurden.

Unsere Ergebnisse

Insgesamt wurden 25 Studien zu COVID-19, 10 Studien zu SARS und 1 Studie zu SARS und MERS berücksichtigt. Die Studien fanden auf der ganzen Welt statt, mit Ausnahme von Afrika und dem östlichen Mittelmeerraum.

Zwölf Studien (11 Modellierungsstudien, 1 Beobachtungsstudie) zu COVID-19 ergaben, dass Beschränkungen des grenzüberschreitenden Reiseverkehrs zu Beginn eines Ausbruchs die Zahl der Neuerkrankungen um mindestens 26 % bis maximal 90 % senken, die Zahl der Todesfälle reduzieren, die Zeit bis zum Ausbruch um 2 bis 26 Tage verkürzen und die Ausbreitung sowie das Risiko eines Ausbruchs verringern könnten. Es gab auch eine Verringerung der importierten oder exportierten Fälle und der Ausbreitung der Epidemie.

Wir fanden 12 Studien (6 Modellierungsstudien, 6 Beobachtungsstudien) zu Einreise- oder Ausreisescreenings mit und ohne Quarantäne, um die Ausbreitung von COVID-19 einzudämmen. Laut Daten aus drei Modellierungsstudien könnten diese die Zeit bis zu einem Ausbruch verzögern und zwischen 10 % und 53 % der infizierten Reisenden können entdeckt werden. Allerdings unterschieden sich die Ergebnisse der Beobachtungsstudien beträchtlich und wir sind uns bei diesen Studien unsicher über den Anteil der Menschen, die korrekt als an COVID-19 erkrankt erkannt wurden.

Nur eine Modellierungsstudie untersuchte Quarantänemaßnahmen für COVID-19. Sie fand weniger neue Fälle aufgrund importierter Fälle, wenn eine Quarantäne von 14 Tagen verhängt wurde.

Wie verlässlich sind die Ergebnisse?

Unser Vertrauen in diese Ergebnisse ist aus mehreren Gründen eingeschränkt. Die meisten Studien basierten nicht auf echten Epidemien, sondern auf mathematischen Vorhersagen. Ihre Ergebnisse hingen von getroffenen Annahmen ab, nicht von Daten aus dem echten Leben. Außerdem unterschieden sich die Studien stark voneinander und ihre Ergebnisse würden sich wahrscheinlich ändern, je nach dem Stadium der Epidemie, dem Umfang des grenzüberschreitenden Reiseverkehrs, anderen vor Ort ergriffenen Maßnahmen und dem Ausmaß der Umsetzung und Durchsetzung. Ergebnisse von Studien zu Screenings bei Einreise und Ausreise könnten sich unterscheiden je nach der verwendeten Screening-Methode und dem Infektionsgrad der Reisenden. Außerdem wurden einige Studien als "Preprints" veröffentlicht, was bedeutet, dass sie nicht den strengen Kontrollen der meisten Peer-Review-Studien unterzogen wurden.

Was das bedeutet

Insgesamt könnten reisebezogene Kontrollmaßnahmen dazu beitragen, die Ausbreitung der Krankheit über nationale Grenzen hinweg zu begrenzen. Grenzüberschreitende Reisebeschränkungen sind wahrscheinlich wirksamer als Screenings bei Einreise und Ausreise. Screenings sind wahrscheinlich wirksamer, wenn sie mit anderen Maßnahmen verbunden werden, wie Quarantäne und Beobachtung. Wir fanden nur sehr wenige Informationen über reisebedingte Quarantäne als eigenständige Maßnahme und keine Informationen über Kosten oder negative Auswirkungen.

Schlussfolgerungen der Autoren: 

Da ein Großteil der Evidenz aus Modellierungsstudien stammt, insbesondere bei Beschränkungen des grenzüberschreitenden Reiseverkehrs und bei der Quarantäne von Reisenden, fehlt es für viele dieser Maßnahmen an Beweisen aus der Realität. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz ist für die meisten reisebezogenen Kontrollmaßnahmen sehr niedrig, und die tatsächlichen Auswirkungen könnten sich erheblich von den hier berichteten unterscheiden. Trotzdem könnten einige reisebezogene Kontrollmaßnahmen während der COVID-19-Pandemie einen positiven Einfluss auf das Infektionsgeschehen haben. Im Großen und Ganzen könnten Reisebeschränkungen die Ausbreitung der Krankheit über nationale Grenzen hinweg einschränken. Maßnahmen zum Screening auf Symptome bei Einreise und Ausreise allein sind wahrscheinlich nicht wirksam, wenn es darum geht, einen relevanten Anteil der Fälle aufzudecken, um zu verhindern, dass neue Fälle sich innerhalb der von der Maßnahme geschützten Region verbreiten; in Kombination mit anschließender Quarantäne, Beobachtung und PCR-Tests dürfte sich die Wirksamkeit wahrscheinlich verbessern. Es gab keine ausreichende Evidenz, um eindeutige Schlussfolgerungen über die Wirksamkeit von reisebezogener Quarantäne selbst zu treffen. Einige der eingeschlossenen Studien deuten darauf hin, dass die Auswirkungen wahrscheinlich von anderen Faktoren abhängen, wie z.B. dem Stadium der Epidemie, der Vernetzung zwischen den Ländern, den lokalen Maßnahmen zur Eindämmung der Übertragung auf die Bevölkerung und dem Grad der Umsetzung.

Zum wissenschaftlichen Abstrakt
Hintergrund: 

Ende 2019 wurden in Wuhan, China, erste Fälle einer neuen, durch das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 verursachten Krankheit gemeldet. In der Folge breitete sich COVID-19 schnell auf der ganzen Welt aus. Um die Pandemie einzudämmen, haben zahlreiche Länder Kontrollmaßnahmen bezüglich des internationalen Reiseverkehrs eingeführt, darunter Grenzschließungen, Reisebeschränkungen, Screenings bei Ein- oder Ausreise und Quarantänen für Reisende.

Zielsetzungen: 

Das Ziel der Arbeit war die Bewertung der Wirksamkeit von reisebezogenen Kontrollmaßnahmen während der COVID-19-Pandemie in Bezug auf infektionsepidemiologische und Screening-bezogene Endpunkte.

Suchstrategie: 

Wir durchsuchten die wissenschaftlichen Datenbanken MEDLINE und Embase sowie COVID-19-spezifische Datenbanken, darunter die Globale WHO-Datenbank zur COVID-19-Forschung, das Cochrane COVID-19 Studienregister und die CDC-Datenbank zur COVID-19-Forschung am 26. Juni 2020. Wir führten auch eine Literatursuche in den Referenzlisten bereits bestehender Reviews durch.

Auswahlkriterien: 

Wir zogen experimentelle, quasi-experimentelle, Beobachtungs- und Modellierungsstudien in Betracht, welche die Auswirkungen von reisebezogenen Kontrollmaßnahmen auf den grenzüberschreitenden Personenverkehr während der COVID-19-Pandemie untersuchten. Zur indirekten Evidenzgewinnung schlossen wir auch Studien ein, die sich mit SARS (severe acute respiratory syndrome) und MERS (Middle East respiratory syndrome) beschäftigten. Primäre Endpunkte waren durch die Maßnahmen vermiedene oder entdeckte Fälle sowie Auswirkungen auf die Entwicklung der Epidemie aufgrund der Maßnahmen. Sekundäre Endpunkte waren andere Endpunkte hinsichtlich der Übertragung von Infektionskrankheiten, der Inanspruchnahme des Gesundheitssystems, des Ressourcenbedarfs und unerwünschte beziehungsweise nicht beabsichtigte Effekte der Maßnahmen, wenn sie in Studien enthalten waren, die mindestens einen primären Endpunkt erfassten.

Datensammlung und ‐analyse: 

Ein Reviewautor prüfte Titel und Abstracts; alle ausgeschlossenen Abstracts wurden erneut geprüft. Zwei Reviewautoren überprüften unabhängig voneinander die Volltexte. Die Datenextraktion, die Bewertung des Risikos für systematische Verzerrungen (die Bewertung des sogenannten Risiko für Bias) und die Beurteilung der Studienqualität wurden von einem Autor durchgeführt. Mindestens ein zusätzlicher Reviewautor überprüfte die Korrektheit aller Daten in der Bewertung des Biasrisikos, der Qualitätsbeurteilung und der Datensynthese. Zur Beurteilung des Risikos für Bias und der Qualität der eingeschlossenen Studien verwendeten wir das Instrument Quality Assessment of Diagnostic Accuracy Studies (QUADAS-2) für Beobachtungsstudien, die sich mit dem Screening befassen, ROBINS-I für ökologische Beobachtungsstudien und ein selbstentwickeltes Instrument für Modellierungsstudien. Wir fassten die Ergebnisse narrativ zusammen. Ein Reviewautor bewertete die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz mit GRADE und das Reviewautorenteam diskutierte die Bewertungen.

Hauptergebnisse: 

Wir schlossen 40 Publikationen ein, die 36 Einzelstudien umfassten. Wir fanden 17 Modellierungsstudien, sieben Beobachtungs-Screeningstudien und eine ökologische Beobachtungsstudie zu COVID-19, vier Modellierungs- und sechs Beobachtungsstudien zu SARS sowie eine Modellierungsstudie zu SARS und MERS, die eine Vielzahl von Settings und Stadien der Pandemie abdecken.

Die meisten Studien verglichen reisebezogene Kontrollmaßnahmen mit einem Szenario, bei dem die Interventionsmaßnahme nicht umgesetzt wurde. Einige Modellierungsstudien beschrieben allerdings zusätzliche Vergleichsszenarien, wie z.B. unterschiedliche Stufen von Reisebeschränkungen oder eine Kombination von Maßnahmen.

Es gab Bedenken hinsichtlich der Qualität vieler Modellierungsstudien und des Risikos für Bias bei den Beobachtungsstudien. Viele Modellierungsstudien verwendeten möglicherweise unzutreffende Annahmen über die Struktur und die Eingabeparameter der Modelle und konnten die Unsicherheit nicht angemessen bewerten. Bedenken bei Beobachtungs-Screeningstudien bezogen sich in der Regel auf den Referenztest und den Ablauf des Screening-Prozesses.

Studien zu COVID-19

Reisebeschränkungen, die den grenzüberschreitenden Reiseverkehr einschränken
Elf Studien setzen Modelle ein, um eine Verringerung des Reisevolumens zu simulieren und eine ökologische Beobachtungsstudie untersuchte Reisebeschränkungen als Reaktion auf die COVID-19-Pandemie. Evidenz von Modellierungsstudien, deren Vertrauenswürdigkeit als sehr niedrig eingeschätzt wurde, deutet darauf hin, dass grenzüberschreitende Reisebeschränkungen, wenn sie zu Beginn des Ausbruchs umgesetzt werden, zu einer Verringerung der Zahl der neuen Fälle um 26 - 90 % (4 Studien), der Zahl der Todesfälle (1 Studie), einer Verringerung der Zeit bis zum Ausbruch um 2 bis 26 Tage (2 Studien), einer Verringerung des Risikos eines Ausbruchs um 1 - 37 % (2 Studien) und einer Verringerung der effektiven Reproduktionszahl (1 Modellierungs- und 1 ökologische Beobachtungsstudie) führen könnten. Evidenz von Modellierungsstudien, deren Vertrauenswürdigkeit als niedrig eingeschätzt wurde, deutet auf eine Verringerung der Zahl der importierten oder exportierten Fälle um 70 - 81 % (5 Studien) hin und auf eine Beschleunigung des Infektionsgeschehens (1 Studie).

Screening an Grenzen mit oder ohne Quarantäne
Evidenz aus drei Modellierungsstudien zu Screening auf Symptome bei Ein- und Ausreise ohne Quarantäne deutet auf eine Verzögerung in der Zeit bis zum Ausbruch von 1 bis 183 Tagen (sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz) und eine Entdeckungsrate von 10 % bis 53 % bei infizierten Reisenden hin (niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz).

Sechs Beobachtungsstudien zu Screenings bei Ein- und Ausreise wurden durchgeführt in spezifischen Settings wie Evakuierungsflügen und Ausbrüchen bei Kreuzfahrtschiffen. Die Screening-Ansätze unterschieden sich, folgten aber einem ähnlichen Vorgehen, das ein Screening auf Symptome aller Individuen bei der Abreise oder bei der Ankunft vorsah, gefolgt von einer Quarantäne und verschiedenen Vorgehensweisen zur Beobachtung sowie zu PCR-Tests über einen Zeitraum von mindestens 14 Tagen. Der Anteil der festgestellten Fälle lag je nach Screening-Ansatz zwischen 0 % und 91 %, und der positive prädiktive Wert reichte von 0 % bis 100 % (sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Die Ergebnisse sollten jedoch im Zusammenhang sowohl mit dem verwendeten Screening-Ansatz als auch mit der Prävalenz von Infektionen unter den untersuchten Reisenden interpretiert werden; beispielsweise schnitt symptombasiertes Screening allein im Allgemeinen schlechter ab als eine Kombination aus symptombasiertem Screening und PCR-Screening mit anschließender Beobachtung während der Quarantäne.

Quarantäne von Reisende
Evidenz aus einer Modellierungsstudie, die eine 14-tägige Quarantäne simuliert, deutet auf einen Rückgang der Fälle hin, die durch importierte Fälle verursacht werden; Größere Rückgänge, die von 277 bis 19 Fälle reichten, wurden mit zunehmend besserer Einhaltung der Quarantänevorschriften festgestellt, wobei der Grad der Einhaltung mit 70 % bis 100 % modelliert wurde (sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz).

Übersetzung: 

S. Voß, J. Stratil, freigegeben durch Cochrane Deutschland

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