Das pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel Ginkgo biloba zur Behandlung eines Tinnitus

Was ist ein Tinnitus?

Bei einem Tinnitus nehmen Menschen Geräusche wahr, für die es keine äußerliche Quelle gibt. Er wird häufig als Klingeln, Summen, Brummen oder Zischen beschrieben. Das Auftreten eines Tinnitus ist weit verbreitet und betrifft zwischen 5 % und 43 % der Allgemeinbevölkerung, wobei das Auftreten mit dem Alter zunimmt. Bei manchen Menschen ist der Tinnitus hartnäckig und belastend und kann zu Schlafproblemen (Schlaflosigkeit), Konzentrationsschwierigkeiten, Schwierigkeiten bei der Kommunikation und der sozialen Interaktion sowie zu Ängsten und Depressionen führen. Die Behandlung kann Aufklärung und Beratung, eine Entspannungstherapie, eine Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT), eine kognitive Verhaltenstherapie (KVT), die Verwendung von Schallgeneratoren oder Hörgeräten sowie medikamentöse Therapien umfassen. Auch das pflanzliche Mittel Ginkgo biloba wird verwendet.

Was wollten wir herausfinden?

Wir wollten herausfinden, ob die Einnahme von Ginkgo biloba die Schwere des Tinnitus verringert und ob sie unerwünschte oder schädliche Wirkungen hat.

Wie gingen wir vor?

Wir suchten nach Studien, in denen die Einnahme von Ginkgo biloba mit einer Placebo-Behandlung (einer "Scheinbehandlung"), keiner Behandlung oder alleiniger Aufklärung/Information bei Erwachsenen und Kindern mit Tinnitus verglichen wurde. Wir verglichen die Ergebnisse der Studien, fassten sie zusammen und bewerteten unser Vertrauen in die Evidenz anhand von Faktoren wie den Methoden und der Größe der Studien.

Was fanden wir ?

Wir fanden 12 Studien (mit insgesamt 1915 Teilnehmenden). In 11 der Studien wurde die Wirkung der Einnahme von Ginkgo biloba mit einem Placebo verglichen. In einer Studie wurde die Wirkung der Einnahme von Ginkgo biloba in Kombination mit der Verwendung von Hörgeräten mit der alleinigen Verwendung von Hörgeräten verglichen.

Hauptergebnisse

Die statistische Zusammenfassung der Ergebnisse von zwei Studien, in denen der Schweregrad des Tinnitus auf die gleiche Weise erhoben wurde, ergab, dass die Einnahme von Ginkgo biloba im Vergleich zu einem Placebo möglicherweise lediglich eine geringfügige bis keine Wirkung hat. Die Evidenz hierzu ist jedoch sehr unsicher. Wir begutachteten vier Studien, in denen das Auftreten schwerwiegender schädlicher Wirkungen erfasst wurde, von denen in den vier Studien jedoch keine auftraten. Entsprechend gibt es zwischen der Einnahme von Gingko biloba und einem Placebo wahrscheinlich keinen Unterschied im Risiko für das Auftreten schwerwiegender unerwünschter Ereignisse. In den eingeschlossenen Studien wurden jedoch nicht die potenziell schädlichen Wirkungen von Ginkgo biloba bei gleichzeitiger Einnahme anderer Arzneimittel untersucht. Möglicherweise gibt es zwischen der Einnahme von Ginkgo biloba und einem Placebo keinen Unterschied in der Wirkung auf die Tinnitus-Lautstärke. Dieses Ergebnis ist jedoch sehr unsicher. Wir ermittelten zudem, dass es möglicherweise auch bei anderen Endpunkten (gesundheitsbezogene Lebensqualität und geringfügige unerwünschte Wirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen und allergische Reaktionen) keine Unterschiede gibt. Es gibt keine Evidenz dafür, dass die Einnahme von Ginkgo biloba im Vergleich zu einem Placebo eine Wirkung auf einen Tinnitus hat.

In einer Studie wurde Ginkgo biloba in Kombination mit der Verwendung von Hörgeräten mit der alleinigen Verwendung von Hörgeräten verglichen. In dieser Studie wurde der Unterschied in der Veränderung der Tinnitus-Schwere und -Lautstärke nach drei Monaten anhand einer Skala erhoben. In der Studie wurde über keine der anderen uns interessierenden Endpunkte berichtet. Es handelte sich um eine einzelne, sehr kleine Studie mit 22 Teilnehmenden. Die Evidenz aus dieser Studie ist sehr unsicher. Wir waren nicht in der Lage, aus den Ergebnissen dieser Studie aussagekräftige Schlüsse zu ziehen.

Was schränkt die Evidenz ein?

Wir fanden 12 Studien, jedoch wurde in der Hälfte von ihnen nicht über die uns interessierenden Endpunkte berichtet. Es war uns nicht möglich, die Ergebnisse vieler der übrigen Studien mit statistischen Methoden zusammenfassen. Wir haben kein Vertrauen in die Evidenz zur Wirkung der Einnahme von Ginkgo biloba im Vergleich zu einem Placebo auf den Tinnitus-Schweregrad. Dies liegt daran, dass aus einer Studie einige Teilnehmende ausschieden, dass nur Personen über 60 Jahre eingeschlossen wurden, dass die Studien klein waren, und dass nur in sehr wenigen Studien über diesen wichtigen Endpunkt berichtet wurde. Wir haben wenig Vertrauen in die Evidenz zu schwerwiegenden schädlichen Wirkungen, da solche in keiner der Studiengruppen auftraten und es in den Studien möglicherweise einige Probleme mit der Durchführung gab. Wir haben kein Vertrauen in die Evidenz zur Tinnitus-Lautstärke, da die Studie, in der diese erhoben wurde, sehr klein war, einige Teilnehmende ausschieden und nur in dieser einen Studie über diesen wichtigen Endpunkt berichtet wurde. Wir haben wenig Vertrauen in die Evidenz für die gesundheitsbezogene Lebensqualität und das Auftreten geringfügiger unerwünschter Wirkungen, da die Studien klein waren und es möglicherweise Probleme mit der Art und Weise ihrer Durchführung gab.

Wir haben kein Vertrauen in die Wirkung der Einnahme von Ginkgo in Kombination mit der Verwendung von Hörgeräten, da die Zahl der Teilnehmenden an den Studien sehr klein war.

Wie aktuell ist die vorliegende Evidenz?

Die Evidenz ist auf dem Stand von Juni 2022.

Anmerkungen zur Übersetzung: 

B. Schindler, C. Braun, freigegeben durch Cochrane Deutschland

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