Behandlungen zur Verbesserung des Schwangerschaftsverlaufs für Frauen, die Diabetes während der Schwangerschaft entwickeln: eine Übersicht über systematische Reviews von Cochrane

Worum geht es?

Das Ziel dieser Übersicht über Cochrane Reviews war, eine Zusammenfassung über die Wirkungen von Interventionen für Frauen bereitzustellen, die Diabetes während der Schwangerschaft (Gestationsdiabetes mellitus, GDM) entwickeln und über die Auswirkungen auf die Gesundheit dieser Frauen und ihrer Kinder. Wir bewerteten alle relevanten Cochrane Reviews (Datum der letzten Suche: Januar 2018).

Warum ist das wichtig?

GDM kann in der mittleren bis späten Schwangerschaft auftreten. Hohe Blutzuckerwerte (Hyperglykämie) haben möglicherweise kurz- und langfristige negative Auswirkungen auf die Frau und die Gesundheit ihres Kindes.

Für Frauen kann GDM ein erhöhtes Risiko für hohen Blutdruck und Eiweiß im Urin (Präeklampsie) bedeuten. Frauen mit GDM haben auch eine höhere Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung von Typ-2-Diabetes, Herzerkrankungen und Schlaganfälle im späteren Leben. Neugeborene von Müttern mit GDM sind stärker gefährdet, sehr groß zu sein, einen niedrigen Blutzucker (Hypoglykämie) nach der Geburt zu haben und eine Gelbfärbung der Haut und Augen (Gelbsucht) zu bekommen. Später haben diese Neugeborenen ein höheres Risiko, übergewichtig zu werden und Typ-2-Diabetes zu entwickeln.

Mehrere Cochrane-Reviews bewerteten verschiedene Interventionen für Frauen mit GDM. Die vorliegende Übersicht vereint diese Reviews. Wir schauten uns Ernährung, Bewegung, Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel, Änderungen des Lebensstils und verschiedene Möglichkeiten der Behandlung durch Gesundheitspersonal an.

Welche Evidenz haben wir gefunden?

Wir fanden 14 systematische Reviews von Cochrane und schlossen 10 Reviews mit 128 Studien in unsere Analyse ein, die insgesamt 17.984 Frauen und ihre Neugeborenen aufgenommen hatten. Die Qualität der Evidenz reichte von sehr niedrig bis hoch.

Wir betrachteten:

Diätetische Interventionen (beinhaltet Wechsel zu einer Diät mit niedrigem oder moderatem Glykämischen Index (GI), Kalorienbeschränkung, kohlenhydratarme Ernährung, Ernährung reich an komplexen Kohlenhydraten, Ernährung reich an hochgesättigten Fettsäuren, ballaststoffreiche Ernährung, sojaproteinreiche Ernährung usw.)

Wir fanden, dass es nicht genügend Daten zu jeder der diätetischen Interventionen gab, um sagen zu können, ob sie geholfen haben oder nicht.

Bewegungsprogramme (beinhaltet zügiges Gehen, Radfahren, Krafttraining vom Typ Zirkeltraining, Anleitungen zu einem aktiven Lebensstil, häusliche Übungsprogramme, 6- bzw. 10-Wochen-Trainingsprogramm, Yoga, usw.)

Auch hier gab es nicht genügend Daten zu jedem spezifischen Übungsprogramm, um zu sagen, ob es geholfen hat.

Einnahme von Insulin oder anderen Medikamenten, um Diabetes zu kontrollieren(beinhaltet Insulin und orale blutzuckersenkende Medikamente)

Insulin erhöht wahrscheinlich das Risiko für Bluthochdruck und den daraus folgenden Problemen in der Schwangerschaft (hypertensive Störungen der Schwangerschaft) im Vergleich zu oralen Therapien (Evidenz von moderater Qualität).

Nahrungsergänzungsmittel (Myo-Inositol gegeben als wasserlösliches Pulver oder Kapsel)

Wir fanden nicht genügend Daten, um sagen zu können, ob Myo-Inositol hilfreich war.

Änderungen des Lebensstils, die zwei oder mehr Interventionen der folgenden Interventionen kombinieren: gesunde Ernährung, Bewegung, Schulung, Achtsamkeitsessen (wobei die Gedanken auf das Essen fokussiert werden), Yoga, Entspannung, usw.

Lebensstilinterventionen könnten zu weniger sehr großen Neugeborenen führen (Evidenz von moderater Qualität), könnten aber möglicherweise die Weheneinleitung begünstigen (Evidenz von moderater Qualität).

Behandlungsstrategien (beinhaltet Frühgeburt, Methoden der Blutzuckerkontrolle)

Wir fanden wenig Daten zu Strategien, die geplante Geburtseinleitung oder geplante Geburt durch Kaiserschnitt einschlossen und es gab keinen eindeutigen Unterschied in den Endpunkten bei diesen Behandlungsstrategien. Ebenso fanden wir keinen eindeutigen Unterschied zu Endpunkten für verschiedene Methoden der Blutzuckerkontrolle.

Was bedeutet das?

Es gibt nur begrenzte Daten zu den verschiedenen Interventionen. Veränderungen im Lebensstil (beinhaltet mindestens gesundes Essen, körperliche Aktivität und Selbstkontrolle des Blutzuckerspiegels) war die einzige Intervention, die mögliche gesundheitliche Verbesserungen für Frauen und ihre Kinder zeigte. Lebensstilinterventionen führen möglicherweise dazu, dass weniger Kinder bei der Geburt übermäßig groß sind. Umgekehrt könnten Lebensstilinterventionen, hinsichtlich Schäden, auch die Anzahl von Geburtseinleitungen erhöhen. Die Anwendung von Insulin war auch mit einem Anstieg von hypertensiven Erkrankungen verbunden, im Vergleich zu oralen Therapien. Es gab sehr begrenzte Informationen zur langfristigen Gesundheit und Kosten. Frauen könnten mit ihrem Arzt über Veränderungen im Lebensstil und die damit verbundenen individuellen Bedürfnisse sprechen wollen. Weitere Forschung von hoher Qualität ist erforderlich.

Schlussfolgerungen der Autoren: 

Momentan gibt es für viele Vergleichsstudien zu Behandlungsstrategien für Frauen mit GDM unzureichende Evidenz von hoher Qualität zu den relevanten Wirkungen auf gesundheitsbezogene Endpunkte von Frauen mit GDM und ihren Neugeborenen. Änderungen des Lebensstils (die mindestens eine gesunde Ernährung, Bewegung und selbst durchgeführte Blutzuckerkontrollen beinhalten) stellten die die einzige Maßnahme dar, die eine mögliche Gesundheitsverbesserung von Frauen und ihren Neugeborenen zeigte. Interventionen zum Lebensstil führen möglicherweise zu weniger großen Neugeborenen. Umgekehrt könnten Änderungen des Lebensstils hinsichtlich Schäden zu mehr Geburtseinleitungen führen. Die Einnahme von Insulin war im Vergleich mit oralen Therapien mit einer Zunahme von Bluthochdruckproblemen verbunden. Es gab nur sehr begrenzte Informationen zur langfristigen Gesundheit und zu den Kosten für das Gesundheitssystem. Weitere Forschung von hoher Qualität ist erforderlich.

Zum wissenschaftlichen Abstrakt
Hintergrund: 

Erfolgreiche Behandlungen bei Gestationsdiabetes (auch Schwangerschaftsdiabetes, kurz GDM für „gestational diabetes mellitus“) haben das Potential, die Gesundheit von Frauen mit GDM und ihrer Neugeborenen zu verbessern.

Zielsetzungen: 

Ziel dieses Cochrane Overviews war eine umfassende Synthese der Evidenz aus Cochrane Reviews zu Nutzen und schädlichen Effekten von Interventionen zur Behandlung des GDM für die betroffenen Frauen und ihre Neugeborenen.

Methoden: 

Wir durchsuchten die Cochrane Database of Systematic Reviews (5. Januar 2018) nach Reviews zu Behandlungen/zur Versorgung von Frauen mit GDM. Reviews zu Schwangeren mit bereits vorher bestehendem Diabetes wurden ausgeschlossen.

Zwei der Autoren des Overviews bewerteten die Reviews unabhängig voneinander bezüglich ihres Einschlusses, ihrer Qualität (AMSTAR, ROBIS), der Qualität der Evidenz (GRADE) und der extrahierten Daten.

Hauptergebnisse: 

Wir schlossen 14 Reviews ein. Von diesen lieferten 10 relevante Daten von hoher Qualität und mit einem niedrigem Risiko für Bias (AMSTAR und ROBIS) aus 128 randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) mit 27 Vergleichen, 17.984 Frauen, 16.305 Neugeborenen und 1.441 Kindern. Die Evidenz variierte zwischen einer hohen und einer sehr niedrigen Qualität (GRADE). Es wurde lediglich eine effektive Behandlungsmethode für Frauen mit GDM gefunden.

Effektiv

Lebensstil versus Regelversorgung

Eine Änderung des Lebensstils verringert gegenüber der Regelversorgung wahrscheinlich die Anzahl von für ihr Gestationsalter großen Neugeborenen (Risiko-Verhältnis (RR) 0,60, 95 % Konfidenzintervall (KI) 0,50 bis 0,71; 6 RCTs, N = 2994; GRADE moderate Qualität).

Vielversprechend

In dieser Kategorie konnte für keinen Endpunkt bei keinem Vergleich Evidenz ermittelt werden.

Nicht wirksam oder möglicherweise schädlich

Lebensstil versus Regelversorgung

Eine Änderung des Lebensstils erhöht gegenüber der Regelversorgung wahrscheinlich das Risiko einer Geburtseinleitung, eventuell verbunden mit möglichen schädlichen Effekten (mittleres RR 1,20; 95 % KI 0,99 bis 1,46; 4 RCTs, N = 2699; GRADE moderate Qualität).

Bewegung versus Kontrolle

Bewegungsinterventionen ergaben gegenüber der Kontrolle bezogen Wiedererlangens des Gewichtes von vor der Schwangerschaft Hinweise auf keine Wirksamkeit (Body Mass Index, BMI) (MD 0,11 kg/m², 95 % KI -1,04 bis 1,26; 3 RCTs, N = 254; GRADE moderate Qualität).

Insulin versus orale Medikation

Insulininterventionen erhöhen gegenüber einer oralen Medikation wahrscheinlich das Risiko einer Geburtseinleitung, verbunden mit möglichen schädlichen Effekten (RR 1,3, 95 % KI 0,96 bis 1,75; 3 RCTs, N = 348; GRADE moderate Qualität).

Möglicherweise nicht wirksame oder schädliche Interventionen

Insulin versus orale Medikation

Bei der Gabe von Insulin besteht gegenüber oraler Medikation wahrscheinlich ein erhöhtes Risiko für hypertensive Störungen (einen hohen Blutdruck) in der Schwangerschaft (RR 1,89, 95 % KI 1,14 bis 3,12; 4 RCTs, N = 1214; GRADE moderate Qualität).

Nicht beweiskräftig

Lebensstil versus Regelversorgung

Die Evidenz zu Adipositas in der Kindheit (RR 0,91, 95 % KI 0,75 bis 1,11; 3 RCTs, N = 767; GRADE moderate Qualität) und Hypoglykämie (mittleres RR 0,99, 95 % KI 0,65 bis 1,52; 6 RCTs, N = 3000; GRADE moderate Qualität) war nicht eindeutig.

Bewegung versus Kontrolle

Die Evidenz zu Kaiserschnitten (RR 0,86, 95 % KI 0,63 bis 1,16; 5 RCTs, N = 316; GRADE moderate Qualität) und Säuglingssterblichkeit oder schwerwiegender Morbidität (RR 0,56, 95 % KI 0,12 bis 2,61; 2 RCTs, N = 169; GRADE moderate Qualität) war nicht eindeutig.

Insulin versus orale Medikation

Die Evidenz für folgende Endpunkte war nicht beweiskräftig: Präeklampsie (RR 1,14, 95 % KI 0,86 bis 1,52; 10 RCTs, N = 2060), Kaiserschnitte (RR 1,03, 95 % KI 0,93 bis 1,14; 17 RCTs, N = 1988), für das Gestationsalter große Neugeborene (mittleres RR 1,01, 95 % KI 0,76 bis 1,35; 13 RCTs, N = 2352), und perinatale Mortalität oder schwerwiegende Morbidität (RR 1,03; 95 % KI 0,84 bis 1,26; 2 RCTs, N = 760). Die GRADE-Bewertung für diese Endpunkte ergab eine moderate Qualität.

Insulin versus Diät

Die Evidenz für die Perinatalmortalität war nicht beweiskräftig (RR 0,74, 95 % KI 0,41 bis 1,33; 4 RCTs, N = 1137; GRADE moderate Qualität).

Insulin versus Insulin

Die Evidenz für Insulin ‚Aspart‘ gegenüber ‚Lispro‘ für das Risiko eines Kaiserschnittes war nicht beweiskräftig (RR 1,00, 95 % KI 0,91 bis1,09; 3 RCTs, N = 410; GRADE moderate Qualität).

Keine Schlussfolgerungen möglich

Keine Schlussfolgerungen waren möglich für: Änderungen des Lebensstils gegenüber der Regelversorgung (Perinealverletzungen, postnatale Depression, Neugeborenen-Adipositas, Anzahl der Schwangerenvorsorgen/Krankenhausaufnahmen); Diäten gegenüber Kontrolle (Präeklampsie, Kaiserschnitt); Myo-Inositol gegenüber Placebo (Hypoglykämie); Metformin gegenüber Glibenclamid (Bluthochdruckprobleme in der Schwangerschaft, schwangerschaftsbedingter Bluthochdruck, Tod oder schwerwiegende Morbidität), Insulin gegenüber oraler Therapie (Entwicklung eines Typ 2 Diabetes); intensive gegenüber Routinebetreuung (Geburtseinleitung, für das Gestationsalter große Neugeborene; Blutzuckerkontrolle vor gegenüber nach einer Mahlzeit (für das Gestationsalter große Neugeborene). Die Evidenz reichte von moderater, niedriger bis zu sehr niedriger Qualität.

Übersetzung: 

PLS: N.Tittlbach, Abstract: G. Krüger, freigegeben durch Cochrane Deutschland

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