Stillen des Neugeborenen oder Brustwarzenstimulierung zur Verringerung von Nachgeburtsblutungen in der Nachgeburtsphase

Fragestellung

Nach der Geburt eines Babys wird die Nachgeburt (Plazenta) ausgestoßen. Die Zeit zwischen der Geburt des Babys und dem Ausstoßen der Plazenta wird als Nachgeburtsphase bezeichnet. Ein übermäßiger Blutverlust in dieser Phase kann das Leben der Mutter bedrohen. Es werden mehrere unterschiedliche Methoden angewandt, um die Blutungsmenge in der Nachgeburtsphase zu verringern. Die Stimulierung der Brustwarzen, ob manuell, durch eine Brustpumpe oder durch Anlegen des Babys, ist eine Methode zur Verringerung von Nachgeburtsblutungen. Sie kann unmittelbar nach der Geburt erfolgen, um die Absonderung eines Hormons namens Oxytocin anzukurbeln. Oxytocin bewirkt das Zusammenziehen der Gebärmutter, was zu einer Verringerung der Nachgeburtsblutungen führen kann.

Bedeutung

In Entwicklungsländern sind die meisten Todesfälle von Müttern im Zusammenhang mit der Geburt auf Nachgeburtsblutungen zurückzuführen. Dieses Geschehen lässt sich verhindern. In diesem Review wurden die Wirkungen von Stillen und Brustwarzenstimulierung auf die Blutungen während der Nachgeburtsphase untersucht.

Gefundene Evidenz

Wir suchten am 15. Juli 2015 nach Evidenz und schlossen 4 randomisierte kontrollierte Studien mit 4608 Frauen ein, von denen jedoch nur 2 Studien verwertbare Daten lieferten. Wir stellten bei beiden Studien ein hohes Risiko für systematische Fehler (Bias) fest. In einer Studie wurde die Wirkung des Anlegens des Babys unmittelbar nach der Geburt mit keiner Maßnahme verglichen. Eine andere Studie verglich die Stimulierung der Brustwarzen (mittels einer Brustpumpe) mit einer Oxytocin-Injektion. Keine der beiden Studien berichtete über Nachgeburtsblutungen. Über Nebenwirkungen der Behandlungen wurde ebenfalls nicht berichtet. Ebenso gab es nur begrenzt Informationen zu anderen Folgen für Frauen und ihre Babys.

Beim Vergleich der Brustwarzenstimulierung (Saugen) mit keiner Stimulierung durch das Stillen wurden keine eindeutigen Unterschiede im Hinblick auf die Anzahl von Todesfällen unter den Müttern festgestellt. Über das Auftreten ernsthafter Erkrankungen unter den Müttern wurde nicht berichtet. Eine Frau in der Stillgruppe starb aufgrund einer Plazentaretention (Nichtausstoßung der Plazenta). Im Hinblick auf Blutverluste von 500 ml und darüber, Plazentaretention, Todesfälle im zeitlichen Umfeld der Geburt und Wiedereinweisung der Mutter ins Krankenhaus gab es keine eindeutigen Unterschiede zwischen den stillenden Müttern und denen, die nicht stillten. Zwar basierten diese Daten auf einer einzigen Studie mit einer guten Stichprobengröße (4227 Frauen), doch die Ergebnisse waren aufgrund von Bedenken im Zusammenhang mit Datenanalyse und Studienmethodik überwiegend von niedriger oder sehr niedriger Qualität.

Unser Vergleich von Brustwarzenstimulierung (mit einer Brustpumpe) mit Oxytocin erfolgte auf der Grundlage einer kleinen Studie mit nur 85 Frauen. Es bestand kein eindeutiger Unterschied zwischen den Gruppen im Hinblick auf Blutverlust oder postnatale Anämie (Blutarmut nach der Geburt). Die Qualität dieser Ergebnisse stuften wir aufgrund unserer Bedenken hinsichtlich der Art der Studiendurchführung und ihrer kleinen Größe als niedrig ein.

Schlussfolgerungen

Es gibt keine ausreichende Evidenz, um die Alltagswirksamkeit der Brustwarzenstimulierung zur Verringerung von Blutungen in der Nachgeburtsphase auszuwerten, und es wird mehr Evidenz aus Studien von hoher Qualität benötigt. Zukünftige randomisierte kontrollierte Studien mit ausreichenden Stichprobengrößen sollten die Wirkung der Brustwarzenstimulierung im Vergleich zu Wirkstoffen bewerten, die die Gebärmutter stimulieren, wie zum Beispiel Syntometrin oder Oxytocin, und über wichtige Endpunkte wie die in diesem Review berichten.

Übersetzung: 

S. Schmidt-Wussow, freigegeben durch Cochrane Schweiz.

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