Absetzen im Vergleich zur Weiterbehandlung mit Antipsychotika als Langzeitbehandlung gegen herausfordernde Verhaltensweisen bei älteren Menschen mit Demenz

Fragestellung

Wir untersuchten die Auswirkungen des Absetzens von Antipsychotika bei älteren Menschen mit Demenz, mit denen sie für drei Monate oder länger behandelt worden waren.

Hintergrund

Menschen mit Demenz können herausfordernde Verhaltensweisen zeigen, die für die pflegenden Personen schwierig zu bewältigen sind. Solche Verhaltensweisen (oft beschrieben als neuropsychiatrische Symptome oder NPS) beinhalten Angst, Gleichgültigkeit, Depression, Psychosen (Halluzinationen und Wahnvorstellungen), Umherlaufen, ständiges Wiederholen von Worten oder Lauten, Schreien und erregtes oder aggressives Verhalten, oder beides.

Antipsychotika werden oft mit dem Ziel, diese Symptome und Verhaltensweisen zu kontrollieren, verschrieben, obwohl die meisten aktuellen Richtlinien nahelegen, dass diese Medikamente nur für kurze Zeit für die herausforderndsten Verhaltensweisen verwendet werden sollten. Dies hängt damit zusammen, dass man davon ausgeht, dass diese Medikamente Risiken für Nebenwirkungen haben (einschließlich einiger schwerwiegender Nebenwirkungen), und weil viele herausfordernde Verhaltensweisen sich auch ohne Behandlung verbessern. Dennoch werden viele Menschen mit Demenz über einen langen Zeitraum mit Antipsychotika behandelt.

Dieser Review untersucht, ob es für ältere Menschen mit Demenz und NPS möglich ist, Antipsychotika abzusetzen, mit denen sie zuvor für mindestens drei Monate behandelt wurden. Dies ist eine Aktualisierung eines Cochrane-Reviews aus dem Jahr 2013.

Methoden

Wir suchten bis zum 11. Januar 2018 nach Studien, die Menschen mit Demenz, die mit Antipsychotika behandelt wurden, zufällig einteilten, die Behandlung entweder fortzusetzen oder die Medikamente abzusetzen. Die Teilnehmer der Studie wurden über einen bestimmten Zeitraum beobachtet um zu verfolgen, was passierte.

Ergebnisse

Wir schlossen 10 Studien mit insgesamt 632 Teilnehmern in diesen Review ein. Wir haben eine neue Studie mit 19 Teilnehmern für diese Aktualisierung hinzugefügt. Die meisten Teilnehmer lebten in Pflegeheimen. Die Studien waren sehr unterschiedlich in Hinblick auf die Menschen, die sie einschlossen, die Methoden, die sie verwendeten und die Endpunkte, die sie maßen.

Da die Studien so unterschiedlich waren, war es nicht möglich, alle Daten rechnerisch zu kombinieren. Wir fanden Evidenz von niedriger Qualität, dass ältere Menschen mit Demenz Langzeitbehandlungen mit Antipsychotika möglicherweise abzusetzen könnten, ohne dass sich ihre Verhaltensweisen verschlimmern. Doch bei manchen Menschen, die Psychose, Unruhe oder Aggression hatten und deren Zustand sich deutlich verbessert hat, als sie eine antipsychotische Behandlung begannen, haben wir herausgefunden, dass das Absetzen der Medikamente das Risiko für eine erneute Verschlimmerung der Verhaltensweisen erhöhen könnte. Auf der anderen Seite verringerte sich Unruhe nach dem Absetzen der Medikamente bei einigen Teilnehmern, deren NPS zu Beginn der Studien relativ mild waren.

Wir fanden nicht genügend Evidenz um festzustellen, ob das Absetzen von Antipsychotika positive Auswirkungen auf die Lebensqualität, das Denkvermögen und die Erinnerung oder auf die Fähigkeit zur Durchführung täglicher Aufgaben hat und oder ob es das Risiko für gesundheitsgefährdende Ereignisse - wie Stürze - reduziert. Wir sind unsicher, ob das Absetzen von Antipsychotika zu längerer Lebenszeit führt.

Qualität der Evidenz

Insgesamt wurde die Qualität der Evidenz als niedrig oder sehr niedrig eingestuft. Das bedeutet, dass wir begrenztes oder wenig Vertrauen in die Ergebnisse haben, und es möglich ist, dass andere, ähnliche Untersuchungen etwas anderes herausfinden könnten. Die wichtigsten Gründe für diese Einschätzung waren, dass es nur wenige Studien gab, die nur wenige Menschen einschlossen, und ein Risiko bestand, dass die Ergebnisse nicht vollständig berichtet wurden. Alle eingeschlossenen Studien hatten Probleme, genügend Teilnehmer zu rekrutieren, so dass es schwieriger war, Auswirkungen abgesetzter Antipsychotika zu erkennen.

Schlussfolgerungen

Begrenzte Evidenz deutet darauf hin, dass als Langzeitbehandlung angewendete Antipsychotika bei älteren Menschen mit Demenz und NPS abgesetzt werden könnten, ohne dass dies ihr Verhalten verschlimmert. Möglicherweise gibt es besonders für Personen mit milden NPS einen Nutzen. Möglicherweise gibt es Menschen mit schweren Symptomen, die von fortgesetzter Behandlung profitieren, aber mehr Forschung bei Menschen mit milden und schwereren NPS ist notwendig, um diesbezüglich sicher zu sein. Das Gesamtschlussfolgerung hat sich seit der letzten Version dieses Reviews nicht geändert und die Anzahl der eingeschlossenen Studien ist nach wie vor niedrig.

Übersetzung: 

N. Tittlbach, freigegeben durch Cochrane Deutschland.

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