Antidepressiva zur Vorbeugung von Winterdepression

Warum ist dieser Review wichtig?

Viele Menschen in nördlichen Breitengraden leiden unter Winterblues, der als Reaktion auf vermindertes Sonnenlicht auftritt. Drei Viertel der Betroffenen sind Frauen. Lethargie, übermäßiges Essen, Gelüste nach Kohlenhydraten, und eine depressive Verstimmung sind häufige Symptome. Bei manchen Menschen wird der Winterblues zur Depression, was ihren Alltag erheblich beeinträchtigt. Bis zu zwei Drittel der Betroffenen leiden jeden Winter unter depressiven Symptomen.

Zielgruppe des Reviews

• Jeder, der unter Winterdepression leidet.

• Verwandte und Freunde von Menschen, die unter Winterdepression leiden.

• Allgemeinmediziner, Psychiater und Apotheker.

• Angestellte in psychologischen Diensten für Erwachsene.

Welche Fragen soll dieser Review beantworten?

Aufgrund des saisonalen Verlaufs und der hohen Rate an wiederkehrenden Erkrankungen, kann eine Therapie mit Antidepressiva während der Herbst- und Wintermonate dem Auftreten einer depressiven Verstimmung vorbeugen. Das Ziel dieses Reviews ist es zu untersuchen, ob der Nutzen gegenüber möglichen Nebenwirkungen überwiegt, wenn Antidepressiva gesunden Menschen mit einer Vorgeschichte von Winterdepression verabreicht werden, um dem Auftreten der Depression im nächsten Winter vorzubeugen. Bisher wurde diese Frage nicht systematisch untersucht.

Welche Studien wurden in den Review eingeschlossen?

Wir durchsuchten Datenbanken bis einschließlich August 2015 nach Studien zur Gabe von Antidepressiva, um Winter-Depression vorzubeugen. Aus 2986 Suchtreffern fanden wir drei randomisiert kontrollierte Studien mit insgesamt 1100 Teilnehmern, die Bupropion mit verzögerter Freisetzung des Wirkstoffs (nur eines von vielen verfügbaren Antidpressiva, aber das einzige, das zur Vorbeugung von Winterdepression zugelassen ist) oder ein Placebo erhielten. Wir fanden keine Studien zu anderen Antidepressiva.

Was zeigt die Evidenz dieses Reviews?

Die Ergebnisse zeigen, dass Antidepressiva in etwa einer von acht Personen Winterdepression vorbeugen können. Die anderen sieben Personen leiden trotz Behandlung unter Winterdepression, oder hätten ohnehin nicht darunter gelitten. Menschen, die Antidepressiva einnehmen, haben ein leicht erhöhtes Risiko an Kopfschmerzen, Übelkeit oder Schlafstörungen zu leiden, verglichen mit Menschen, die keine Antidepressiva einnehmen.

Ärzte sollten mit ihren Patienten die Vor- und Nachteile von Antidepressiva und anderen potenziell vorbeugenden Behandlungen von Winterdepression besprechen, wie zum Beispiel Lichttherapie, Psychotherapien oder Anpassungen der Lebensgewohnheiten. Da keine der verfügbaren Studien diese Behandlungen verglichen hat, müssen die Präferenzen der Patienten berücksichtigt werden.

Was sollte als nächstes passieren?

Die Review-Autoren empfehlen, dass zukünftige Studien Antidepressiva direkt mit anderen Behandlungen wie Lichttherapie, Psychotherapien oder anderen Medikamenten vergleichen sollten, um die beste Behandlung zur Vorbeugung von Winterdepression zu ermitteln.

Schlussfolgerungen der Autoren: 

Die verfügbare Evidenz zeigt, dass Bupropion XL eine wirksame Intervention zur Vorbeugung eines erneuten Auftretens von Winterdepressionen ist. Dennoch profitieren selbst in einer Population mit einem erhöhten Risiko für Winterdepressionen vier von fünf Patienten nicht von einer präventiven Behandlung mit Bupropion XL und sind dem Risiko von Schäden ausgesetzt. Ärzte müssen mit den Patienten Vorteile und Nachteile der vorbeugenden SGA Behandlung diskutieren und könnten andere potenziell wirksame Interventionen in Betracht ziehen, die ein geringeres Risiko von unerwünschten Ereignissen mit sich bringen. In Anbetracht der fehlenden Evidenz aus Vergleichen mit anderen Behandlungsmethoden, sollte die Entscheidung über eine vorbeugende Behandlung von saisonaler Depression und die Art der Behandlung stark von den Präferenzen des Patienten abhängen.

Künftige Forscher müssen die Wirksamkeit und das Risiko von Schäden von anderen Antidepressiva der 2. Generation als Bupropion zur Vorbeugung von Winterdepressionen untersuchen. Die Forscher sollten auch Nutzen und Schaden von pharmakologischen und nicht-pharmakologischen Interventionen vergleichen.

Zum wissenschaftlichen Abstrakt
Hintergrund: 

Winterdepressionen sind jahreszeitenabhängig wiederkehrende Depressionen, die am häufigsten im Herbst oder Winter auftreten und im Frühjahr wieder vergehen. Die Häufigkeit von Winterdepressionen variiert je nach Breitengrad zwischen 1,5% und 9%. Aufgrund des vorhersehbaren, saisonalen Verlaufs der Winterdepression, ist die Vorbeugung einer neuerlichen Winterdepression besonders vielversprechend. Dieser Review - einer von vier Reviews der Wirksamkeit und Sicherheit von Interventionen um Winterdepressionen vorzubeugen - fokussiert sich auf Antidepressiva der 2. Generation (SGA).

Zielsetzungen: 

Dieser Review soll die Wirksamkeit und Sicherheit von SGA (im Vergleich zu anderen SGA, Placebo, Lichttherapie, Melatonin oder Agomelatin, psychologische Therapien oder Lebensstil-Interventionen) zur Vorbeugung von Winterdepressionen und Verbesserung der Patienten-relevanten Endpunkte bei Erwachsenen mit Winterdepressionen in der Anamnese beurteilen.

Suchstrategie: 

Eine Suche im Specialised Register of the Cochrane Depression, Anxiety and Neurosis Review Group (CCDANCTR) umfasste alle Jahre bis 11. August 2015. Die CCDANCTR enthält Berichte von randomisierten, kontrollierten Studien aus EMBASE (1974 bis heute), MEDLINE (1950 bis heute), PsycINFO (1967 bis heute) und vom Cochrane Central Register of Controlled Trials (CENTRAL). Darüber hinaus suchten wir im Cumulative Index to Nursing and Allied Health Literatur, Web of Knowledge, in der Cochrane Library und in der Allied and Complementary Medicine Database (bis 26. Mai 2014) Wir haben zudem eine Suche nach sogenannter "grauer Literatur" durchgeführt und von Hand die Referenzlisten der eingeschlossenen Studien und einschlägigen Reviews durchsucht.

Auswahlkriterien: 

Im Sinne der Effizienz, schlossen wir randomisierte, kontrollierte klinische Studien ein, welche Erwachsene mit einer Winterdepression in der Vorgeschichte einschlossen, die zu Beginn der Studie symptomfrei gewesen sind. Bezüglich der unerwünschten Ereignisse, planten wir den Einschluss von nicht-randomisierten Studien. Studien, die SGA untereinander oder mit Placebo, Lichttherapie, Psychotherapie, Melantonin, Agomelatine oder Lebensstilveränderung verglichen, wurden eingeschlossen. Wir planten auch den Vergleich zwischen SGA in Kombination mit einer der Kontrollinterventionen und der Kontrollintervention als Monotherapie.

Datensammlung und -analyse: 

Zwei Review-Autoren führten das Screening von Abstracts und Volltexten durch und bewerteten das Risiko für Bias entsprechend dem Cochrane "Risk of Bias" Tool. Unterschiede in der Bewertung wurden durch Konsens oder Konsultation einer dritten Partei gelöst. Zwei Review-Autoren führten unabhängig voneinander Datenextraktion und die Bewertung des Risiko für Bias der eingeschlossenen Studien durch. Wenn die Daten ausreichend waren, führten wir mit dem Random-Effects Modell (Mantel-Haenszel) Meta-Analysen durch. Wir untersuchten die statistische Heterogenität mit Hilfe von Chi2 und Cochran Q. Wir nutzen I2 um das Ausmaß der Heterogenität zu schätzen und untersuchten mögliche Quellen der Heterogenität mittels Sensitivitätsanalysen oder Subgruppenanalysen. Wir untersuchten Publikationsbias anhand von Funnel Plots. Doch angesichts der geringen Anzahl von Studien in unseren Meta-Analysen hatten diese Tests eine geringe Sensitivität, um Publikations-Bias zu erkennen. Die Qualität der Evidenz wurde nach dem GRADE (Grades of Recommendation, Assessment, Developement and Evaluation)-Ansatz beurteilt.

Hauptergebnisse: 

Wir identifizierten 2.986 Zitate nach De-Duplizierung von Suchergebnissen und schlossen 2.895 im Titel- und Abstract-Screening aus. Wir untersuchten 91 Publikationen auf Einschluss in den Review, von denen vier Publikationen (drei RCTs) mit Daten von 1100 Personen Einschlusskriterien für diesen Review erfüllten. Alle drei RCTs hatte methodischen Einschränkungen aufgrund der hohen Ausfallraten.

Insgesamt deutet Evidenz von moderater Qualität darauf hin, dass Bupropion XL eine wirksame Intervention zur Vorbeugung erneuter depressiver Episoden bei Patienten mit Winterdepression in der Vorgeschichte ist (relatives Risiko (RR) 0,56, 95% Konfidenzintervall (KI) 0,44 bis 0,72, drei RCTs, 1100 Teilnehmer). Allerdings birgt Bupropion XL im Vergleich zu Placebo ein größeres Risiko für Kopfschmerzen (moderate Qualität der Evidenz), Schlaflosigkeit und Übelkeit (niedrige Qualität der Evidenz). Die Anzahl von Patienten, die für ein positives Ergebnis behandelt werden müssen („number needed to treat for benefit“, NNTB), variiert je nach Baseline-Risiko. Für eine Population mit jährlichen Rezidivraten von 30% beträgt die NNTB 8 (95% KI 6 bis 12). Für eine Population mit jährlichen Rezidivraten von 40% und 50%,beträgt die NNTBs 6 (95% KI 5 bis 9) bzw. 5 (95% KI 4 bis 7).

Wir konnten keine Studien zu anderen SGA finden und keine Studien, die SGA mit anderen Interventionen von Interesse, wie Lichttherapie, psychologische Therapien, Melatonin oder Agomelatin verglichen.

Übersetzung: 

M. Schmidt Haghiri, J. Ried, freigegeben durch Cochrane Deutschland.

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