Zugabe von Jod zu anderen Lebensmittel als Salz, um Erkrankungen vorzubeugen, die durch eine unzureichende Jodaufnahme verursacht werden

Hintergrund und Fragestellung des Reviews

Weltweit nehmen viele Menschen nicht genügend Jod zu sich. Dies ist ein Problem, da Jod für ein normales Wachstum im Kindesalter und die Gehirnentwicklung wichtig ist, außerdem für den Erhalt einer gesunden erwachsenen Bevölkerung. Eine unzureichende Jodaufnahme kann zu gesundheitlichen Problemen, wie geistiger Behinderung und Entstehung eines Kropfs (Struma, Vergrößerung der Schilddrüse), führen. Die derzeit wichtigste Strategie ist es, Salz mit Jod anzureichern, um die Jodaufnahme der Bevölkerung gemäß den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation zu erhöhen. In Regionen, in denen Salz nicht das wichtigste Gewürz darstellt, wurde jedoch auch die Anreicherung anderer Lebensmittel mit Jod untersucht. Das Ziel unserer Studie war es, die Wirkung der Jod-Anreicherung von Lebensmitteln, Getränken, Saucen und Gewürzen, abgesehen von Salz, auf den Jod-Ernährungszustand und auf gesundheitsbezogene Endpunkte in allen Bevölkerungsgruppen zu untersuchen.

Studienmerkmale

Wir suchten nach Artikeln aus verschiedenen Quellen. Diese umfassten veröffentlichte Forschungsberichte, unveröffentlichte Berichte und solche, die durch direkte Kontaktaufnahme mit Experten und Organisationen, welche sich mit Jod- und Mikronährstoffmangel befassen, identifiziert wurden. Wir durchsuchten die Datenbanken letztmalig im Januar 2018.

Elf Studien, welche Daten von 4317 Teilnehmenden (3636 Kinder, 648 Frauen im gebärfähigen Alter und 33 Säuglinge) umfassten, erfüllten unsere Einschlusskriterien. In den Studien wurden unterschiedliche Lebensmittel benutzt, denen Jod zugesetzt wurde, darunter waren Kekse, Milch, Fischsauce, Trinkwasser, Joghurt, Fruchtsaft, Gewürze in Pulverform und Säuglingsnahrung. Die Menge an Jod, die den Teilnehmenden verabreicht wurde, reichte von 35 µg/Tag bis 220 µg/Tag und die Studiendauer reichte von 11 Tagen bis 48 Wochen. Von den 11 eingeschlossenen Studien untersuchten fünf die Auswirkung der Jod-Anreicherung von Lebensmitteln im Vergleich zu keiner Intervention oder demselben Lebensmittel ohne Jodzusatz. Sechs Studien beurteilten die Auswirkung der Jod-Anreicherung bei gleichzeitiger Anreicherung der Lebensmittel mit anderen Mikronährstoffen im Vergleich zu denselben Lebensmitteln ohne Jod, aber mit unterschiedlichen Mengen anderer Mikronährstoffe.

Hauptergebnisse

Keine der Studien untersuchte die Auswirkungen von Jodzusatz in Bezug auf Tod, geistige Entwicklung, kognitive Funktionen, Kretinismus (ein Krankheitsbild, das durch eine beeinträchtigte Kontrolle der körperlichen Bewegungen und durch geistige Behinderung gekennzeichnet ist), Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion), Konzentration des Schilddrüse-stimulierenden Hormons oder Serumkonzentration von Thyroglobulin (dies sind Biomarker, die auf einen vorliegenden Jodmangel hinweisen, wenn ihre Konzentration im Blut hoch ist).

Zwei Studien berichteten über die Auswirkung der Intervention auf die Häufigkeit eines Kropfs, eine Studie erfasste Daten zur körperlichen Entwicklung (Gewicht, Größe, altersentsprechendes Gewicht, altersentsprechende Größe und Gewicht-für-Größe) und eine Studie untersuchte unerwünschte Wirkungen. Alle Studien erfassten die Jodkonzentration im Urin (die Jodkonzentration, die über den Urin ausgeschieden wird, kann eher auf einen Jodmangel in einer Bevölkerungsgruppe hinweisen, als auf einen Mangel auf Individualebene). Die Daten, die unseren Anforderungen entsprachen, haben wir in einer Meta-Analyse zusammengefasst.

Wir sind hinsichtlich der Auswirkungen von Jod-Anreicherung auf den Anteil der Teilnehmenden mit Kropf oder auf eines der fünf körperlichen Entwicklungsmerkmale unsicher. Eine Studie berichtete narrativ, dass während der Studie keine unerwünschten Wirkungen beobachtet wurden. Wir fanden bei Studien mit höherer Studienqualität einen signifikanten Anstieg der Jodkonzentration im Urin von 38,32 µg/L nach der Anreicherung von Lebensmitteln mit Jod, im Vergleich zu den Gruppen, bei denen kein Jod zugesetzt wurde.

Qualität der Evidenz

Wir verwendeten GRADE und bewerteten die Qualität der Evidenz für Kropf und körperliche Entwicklungsmerkmale aufgrund von Studienlimitationen (Risiko für Bias) und ungenauen Ergebnissen als sehr niedrig, und niedrig für unerwünschte Ereignisse aufgrund von Indirektheit und ungenauen Ergebnissen. Wir bewerteten die Qualität der Evidenz für Jodkonzentration im Urin aus Studien, in denen die Teilnehmenden nach dem Zufallsprinzip in Behandlungsgruppen eingeteilt wurden (Goldstandard in Bezug auf Studiendesign innerhalb der klinischen Forschung), als moderat. Dagegen wurde die Qualität der Evidenz für Jodkonzentration im Urin aus Studien, bei denen die zufällige Zuteilung fehlte, aufgrund von Studienlimitationen und ungenauen Ergebnissen als sehr niedrig bewertet.

Schlussfolgerung

Insgesamt gibt es keine eindeutige Evidenz zu der Auswirkung der Intervention auf die Verringerung des Anteils der Menschen mit Kropf, einer Verbesserung des körperlichen Wachstums, oder in Bezug auf unerwünschte Ereignisse. Unsere Ergebnisse zeigen jedoch, dass die Jod-Anreicherungen von Lebensmitteln wahrscheinlich die Jodkonzentration im Urin erhöht. Weitere Studien sind notwendig, um die Auswirkung der Intervention auf diese Endpunkte, als auch auf weitere Endpunkte, besser abschätzen zu können.

Schlussfolgerungen der Autoren: 

Die Evidenz hinsichtlich der Wirkung der Jod-Anreicherung von Lebensmitteln, Getränken, Saucen oder Gewürzen, abgesehen von Salz, auf die Senkung der Struma-Prävalenz, die Verbesserung der körperlichen Entwicklung und unerwünschte Wirkungen bleibt unklar. Unsere Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass diese Intervention wahrscheinlich die Jodkonzentration im Urin erhöht. Weitere, ausreichend große, qualitativ hochwertige Studien über die Wirkung der Jod-Anreicherung von Lebensmitteln auf diese und andere wichtige Endpunkte sowie zu ihrer Wirksamkeit und Sicherheit sind erforderlich.

Zum wissenschaftlichen Abstrakt
Hintergrund: 

Von Jodmangel sind weltweit fast 1,9 Milliarden Menschen betroffen. Dies stellt in vielen Ländern ein schwerwiegendes Gesundheitsproblem für die Allgemeinbevölkerung dar. Bei Kindern ist Jodmangel die Hauptursache für potenziell vermeidbare Entwicklungsdefizite hinsichtlich des zentralen Nervensystems und der kognitiven Funktion, sowie bei Menschen jeden Alters für die Entwicklung einer Struma sowie einer Hypothyreose. Die Anreicherung von Salz mit Jod ist die bevorzugte Strategie zur Prävention und Kontrolle von Jodmangel. Jedoch wurde in einigen Fällen, in denen Salz kein wichtiges Gewürz darstellt, auch die Anreicherung anderer Lebensmittel mit Jod in Betracht gezogen.

Zielsetzungen: 

Es sollte die Wirkung einer Anreicherung von Lebensmitteln, Getränken, Saucen und Gewürzen, abgesehen von Salz, mit Jod allein oder in Verbindung mit anderen Mikronährstoffen auf den Jodstatus und gesundheitsbezogene Endpunkte in allen Bevölkerungsgruppen untersucht werden.

Suchstrategie: 

Die Studien wurden durch systematische Suchen in den folgenden Datenbanken ( Startdatum bis Januar 2018) identifiziert: Cochrane Public Health Group Specialised Register; CENTRAL; MEDLINE; MEDLINE in Process; Embase; Web of Science; CINAHL; POPLINE; AGRICOLA; BIOSIS; Food Science and Technology Abstracts; OpenGrey; Bibliomap und TRoPHI; AGRIS; IBECS; Scielo; Global Index Medicus-AFRO und EMRO; LILACS; PAHO; WHOLIS; WPRO; IMSEAR; IndMED; und in der Native Health Research Database. Wir suchten auch in Referenzlisten relevanter Artikel, Konferenzberichten und Datenbanken zu laufenden Studien und kontaktierten Experten und relevante Organisationen, um unveröffentlichte Forschungsarbeiten zu identifizieren. Wir haben keine Einschränkungen hinsichtlich der Sprache oder des Veröffentlichungsdatums angewendet.

Auswahlkriterien: 

Die Studien wurden eingeschlossen, falls es sich um randomisierte oder quasi-randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) mit Randomisierung entweder auf Individual- oder Clusterebene (einschließlich Crossover-Studien), nicht-randomisierte RCTs (non-RCTs) oder prospektive Beobachtungsstudien mit einer Kontrollgruppe, wie bspw. Kohortenstudien, kontrollierte Vorher-Nachher-Studien und unterbrochene Zeitreihenstudien handelte. Wir schlossen Studien ein, welche die Auswirkungen der Anreicherung von Lebensmitteln, Getränken, Saucen oder Gewürze mit Jod allein oder in Kombination mit anderen Mikronährstoffen im Vergleich zu denselben nicht angereicherten Lebensmitteln untersuchten oder mit keiner Intervention verglichen. Wir betrachteten die folgenden Endpunkte: Tod (alle Ursachen), Struma, körperliche und geistige Entwicklung, kognitive Funktionen und motorische Fähigkeiten, Kretinismus, Hypothyreose, unerwünschte Wirkungen (alle von Studienleitern berichtete), Jodkonzentration im Urin, Konzentration des Schilddrüsen-stimulierenden Hormons (TSH) und Serum-Thyreoglobulin-Konzentration. Wir schlossen alle Bevölkerungsgruppen, einschließlich schwangerer Frauen, aus allen Ländern ein.

Datensammlung und -analyse: 

Zwei Review-Autoren bewerteten unabhängig voneinander die Einschlussfähigkeit der Studien, extrahierten Daten und bewerteten das Risiko für Bias der eingeschlossenen Studien.

Wir berechneten Meta-Analysen mit Hilfe des Random Effects Modells, um Daten zu kombinieren und einen Gesamtschätzer für den Behandlungseffekt zu berechnen, wenn mehr als eine Studie den gleichen Endpunkt untersucht hatte. Der Gesamtschätzer wurde mittels Mittelwertdifferenz (MD) oder standardisierter Mittelwertdifferenz (SMD) zwischen der Interventionsgruppe und der Vergleichsgruppe für kontinuierliche Endpunkte und mittels Odds-Ratio (OR) für dichotome Endpunkte berechnet. Wir haben das Ausmaß der Heterogenität anhand der I²-Statistik bewertet. Um mögliche Quellen der Heterogenität zu ermitteln, führten wir post-hoc Subgruppenanalysen durch. Des Weiteren wurden Sensitivitätsanalysen durchgeführt, um die Robustheit der Ergebnisse aus den Primäranalysen zu überprüfen. Wir haben die Qualität der Evidenz für jeden Endpunkt mittels des GRADE-Ansatzes bewertet.

Wo es nicht möglich war, die Ergebnisse in einer Meta-Analyse zusammenzufassen, haben wir eine narrative Zusammenfassung der Ergebnisse erstellt.

Hauptergebnisse: 

Elf Studien erfüllten die Einschlusskriterien, boten 14 Vergleiche und umfassten Daten von 4317 Teilnehmenden. Sieben Studien waren RCTs, drei waren Cluster-non-RCTs, und eine war eine randomisierte Studie mit Crossover-Design. Sieben Studien wurden mit Schulkindern (N = 3636), drei mit Frauen im gebärfähigen Alter (N = 648) und eine mit Säuglingen (N = 33) durchgeführt. Die Studien verwendeten verschiedene Arten von Lebensmitteln als Basis für die Jod-Anreicherung: Kekse, Milch, Fischsauce, Trinkwasser, Joghurt, Fruchtgetränke, Gewürze in Pulverform und Säuglingsnahrung. Die täglich bereitgestellte Menge an Jod lag zwischen 35 µg/Tag und 220 µg/Tag, wobei die Studiendauer 11 Tage bis 48 Wochen betrug. Fünf Studien untersuchten die Wirkung der Jodanreicherung allein, zwei Studien verglichen das jodangereicherte Lebensmittel mit dem gleichen, nicht angereicherten Lebensmittel und drei verglichen mit keiner Intervention. In sechs Studien wurde die Wirkung der Jod-Anreicherung bei gleichzeitiger Anreicherung mit anderen Mikronährstoffen bei Lebensmitteln im Vergleich mit den gleichen Lebensmitteln ohne Jod, aber mit unterschiedlichen Mengen an anderen Mikronährstoffen untersucht. Bei der Bewertung des Risikos für Bias bewerteten wir eine Studie mit geringem Risiko für alle Bias-Domänen. Drei Studien wiesen ein geringes Risiko für alle Domänen auf; mit Ausnahme der Domäne selektives Berichten. Sieben Studien wiesen bei der Gesamtbewertung ein hohes Risiko für Bias auf.

Keine der Studien berichtete Daten hinsichtlich der primären Endpunkte Tod, geistige Entwicklung, kognitive Funktion, Kretinismus, Hypothyreose; oder hinsichtlich der sekundären Endpunkte TSH- oder Serum-Thyreoglobulin-Konzentration. Zwei Studien berichteten über die Wirkung auf die Struma-Prävalenz, eine auf die körperliche Entwicklung und eine Studie berichtete bezüglich unerwünschter Wirkungen. Alle Studien erfassten die Jodkonzentration im Urin.

Die Effekte der Jod-Anreicherung im Vergleich zur Kontrolle auf die Prävalenz einer Struma (OR 1,60, 95% Konfidenzintervall (KI) 0,60 bis 4,31; 1 non-RCT, 83 Teilnehmende; sehr niedrige Qualität der Evidenz) und auf fünf Messverfahren zur körperlichen Entwicklung waren unklar (1 non-RCT, 83 Teilnehmende; sehr niedrige Qualität der Evidenz): Gewicht (MD 0,23 kg, 95% KI -6,30 bis 6,77); Größe (MD -0,66 cm, 95% KI -4,64 bis 3,33); Gewicht-für-Alter (MD 0,05, 95% KI -0,59 bis 0,69); Größe-für-Alter (MD -0,30, 95% KI -0,75 bis 0,15); und Gewicht-für-Größe (MD -0,21, 95% KI -0,51 bis 0,10). Bei einer Crossover-Studie wurde berichtet, dass während der Studie keine unerwünschten Ereignisse beobachtet wurden (niedrige Qualität der Evidenz).

Die zusammengefassten Ergebnisse der RCTs zeigten, dass die Jodkonzentration im Urin nach der Jodanreicherung signifikant zunahm (SMD 0,59, 95% KI 0,37 bis 0,81; 6 RCTs, 2032 Teilnehmende; moderate Qualität der Evidenz). Dies entspricht einem Anstieg von 38,32 µg/L (95% KI 24,03 bis 52,61 µg/L). Dieser Effekt wurde in der Meta-Analyse von non-RCTs (SMD 0,25, 95% KI -0,16 bis 0,66; 3 non-RCTs, 262 Teilnehmende; sehr niedrige Qualität der Evidenz) nicht beobachtet. Die Sensitivitätsanalysen haben den in den Primäranalysen beobachteten Effekt nicht verändert.

Übersetzung: 

Abstract: T. Heise, PLS: J. Gauch, T. Heise, freigegeben durch Cochrane Schweiz. Unterstützt von Fondation SANA.

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