Schulische Präventionsmaßnahmen zur Vermeidung von HIV, sexuell übertragbaren Infektionen und Schwangerschaften bei Jugendlichen

Cochrane-Autoren untersuchten in einem systematischen Review die Wirkungen von schulischen Präventionsmaßnahmen zur Vermeidung von HIV, sexuell übertragbaren Infektionen (STI) und Schwangerschaften bei Jugendlichen. Die Suche nach relevanten Studien, die bis einschließlich 7. April 2016 veröffentlicht wurden, ergab acht passende Studien mit 55.157 Jugendlichen.

Warum ist das wichtig und wie können schulische Präventionsmaßnahmen funktionieren?

Sexuell aktive Jugendliche, insbesondere junge Frauen, sind in vielen Ländern einem hohen Risiko ausgesetzt, sich eine HIV-Infektion und andere STI zuzuziehen. Frühe ungewollte Schwangerschaften können ebenfalls schädliche Folgen für das Leben junger Menschen haben.

Das schulische Umfeld spielt eine wichtige Rolle in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. In vielen Teilen der Welt gibt es mittlerweile Lehrplan-basierte Programme zu Sexualkunde. Während Evidenz vorliegt, dass solche Programme zu mehr Wissen und, laut Selbsteinschätzung der Jugendlichen, zu einem geringeren Risikoverhalten führen, untersucht dieser Review, ob sie einen Einfluss auf die Anzahl von STI oder die Anzahl von Schwangerschaften unter Jugendlichen haben.

Was sagt die Forschung?

Programme zu Sexualkunde und Empfängnisverhütung

So wie sie momentan gestaltet sind, haben Bildungsprogramme allein wahrscheinlich keine Auswirkung auf die Anzahl junger Menschen, die sich während ihrer Jugend mit HIV infizieren (niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Sie haben wahrscheinlich ebenso keine Auswirkung auf die Anzahl junger Menschen, die mit sich mit anderen STI infizieren (Herpes simplex virus: moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz; Syphilis: niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz), oder die Anzahl an Schwangerschaften bei Jugendlichen (moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz).

Materielle oder finanzielle Anreize zur Förderung der schulischen Anwesenheit

Monatliche Bonuszahlungen oder kostenlose Schuluniformen, um Schüler zum Verbleib in der Schule zu ermutigen, haben vermutlich keine Wirkung auf die Anzahl an Jugendlichen, die sich mit HIV infizieren (niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Ob diese Anreize sich auf die Anzahl von Jugendlichen, die sich mit anderen STI infizieren, auswirken, ist aktuell noch unklar (sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Anreize zur Förderung der schulischen Anwesenheit könnten jedoch die Anzahl von Schwangerschaften unter Jugendlichen reduzieren (niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz).

Kombinierte Bildungs- und Anreizprogramme

​Basierend auf einem einzigen eingeschlossenen Versuch, einen Anreiz zu geben, wie eine kostenlose Schuluniform,kombiniert mit einem Programm zu Sexualkunde und Empfängnisverhütungkönnte das Auftreten von STI bei jungen Frauen reduzieren (Herpes simplex Virus: niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Es wurde aber keine Auswirkung auf HIV oder Schwangerschaft gefunden (niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz).

Schlussfolgerungen der Autoren

Momentan besteht wenig Evidenz, dass Bildungsprogramme allein dabei wirksam sind, STI oder Schwangerschaften bei Jugendlichen zu vermindern. Anreiz-basierte Interventionen, die darauf abzielen, junge Menschen, besonders Mädchen, zum Verbleib in der Schule zu bewegen, könnten die Anzahl von Schwangerschaften unter Jugendlichen reduzieren. Weitere Studien von hoher Qualität sind allerdings notwendig, um dies zu bestätigen.

Schlussfolgerungen der Autoren: 

Es besteht weiterhin Bedarf an Gesundheitsangeboten für Jugendliche, die Verhütungsmöglichkeiten und Kondome einschließen und den Jugendlichen ebenfalls die Möglichkeit geben, die Angebote aktiv mitzugestalten. Schulen könnten ein guter Ort sein, diese Gesundheitsangebote durchzuführen. Hingegen gibt es nur wenig Evidenz dafür, dass allein Aufklärungsprogramme im Stundenplan effektiv genug sind, um sexuelle und reproduktive gesundheitsbezogene Endpunkte von Jugendlichen zu verbessern. Anreizbasierte Interventionen, die darauf abzielen, Jugendliche in weiterführenden Schulen zu halten, könnten Schwangerschaften bei Jugendlichen reduzieren. Weitere Studien sind aber notwendig, um dies zu bestätigen.

Zum wissenschaftlichen Abstrakt
Hintergrund: 

Schulische Programme für die sexuelle und reproduktive Gesundheit werden als Ansatz zur Reduktion von risikoreichem Sexualverhalten bei Jugendlichen allgemein anerkannt. Zahlreiche Studien und systematische Reviews haben sich darauf fokussiert, die Wirkungen dieser Programme auf das Wissen und das von sich aus berichtete Verhalten der Teilnehmer zu messen, statt sich auf biologische Endpunkte, wie Schwangerschaft oder Prävalenz sexuell übertragbarer Infektionen (STI) zu konzentrieren.

Zielsetzungen: 

Ziel war, die Wirkungen von schulischen Programmen zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit auf sexuell übertragbare Infektionen (wie HIV, das Herpes-simplex-Virus und Syphilis) sowie Schwangerschaft bei Jugendlichen zu untersuchen.

Suchstrategie: 

Wir suchten in MEDLINE, Embase und dem Cochrane Central Register of Controlled Trials (CENTRAL) nach publizierten peer-reviewed Artikeln. Weiterhin wurden ClinicalTrials.gov und die World Health Organization’s (WHO) International Clinical Trials Registry Platform nach prospektiven Studien durchsucht. Des Weiteren wurden durchsucht: AIDS Educaton, Global Information System (AEGIS) und das Portal der National Library of Medicine (NLM) nach Konferenzpräsentationen sowie die Internetseiten der Centers for Disease Control and Prevention (CRC), von UNAIDS, der WHO und der National Health Service (NHS) centre for Reviews and Dissemination (CRD)von 1990 bis zum 7. April 2016. Zusätzlich wurden die Referenzlisten aller relevanten Artikel händisch durchsucht.

Auswahlkriterien: 

Es wurden randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) eingeschlossen (sowohl individuell als auch cluster-randomisiert), die schulische Programme mit dem Ziel der Verbesserung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit für Jugendliche evaluierten.

Datensammlung und -analyse: 

Zwei Review-Autoren untersuchten unabhängig voneinander die Einschlussfähigkeit der Studien, beurteilten das Risiko für Bias und extrahierten Daten. Sofern angemessen, wurde die Wirksamkeit der Behandlung in einer Metaanalyse mittels Random Effects Modell dargestellt, und mit Hilfe des Relativen Risikos (RR) mit 95%-Konfidenzintervall (KI) berichtet. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz wurde mit dem GRADE Ansatz beurteilt.

Hauptergebnisse: 

Es wurden acht Cluster-RCTs mit insgesamt 55.157 Studienteilnehmern eingeschlossen. Fünf Studien wurden in Subsahara-Afrika (Malawi, Südafrika, Tansania, Simbabwe, Kenia), eine in Lateinamerika (Chile) und zwei in Europa (England und Schottland) durchgeführt.

Aufklärungsprogramme zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit

Sechs Studien werteten schulische Aufklärungsprogramme aus.

In diesen Studien hatten diese Aufklärungsprogramme keinen nachweisbaren Effekt auf die Prävalenz von HIV (RR 1,03; 95% KI 0,80 bis 1,32; 3 Studien; 14.163 Studienteilnehmer; niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz) oder andere sexuell übertragbare Infektionen (Prävalenz Herpes-simplex-Virus: RR 1,04; 95% KI 0,94 bis 1,15; 3 Studien; 17.445 Studienteilnehmer; moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz; Prävalenz Syphilis: RR 0,81; 95% KI 0,47 bis 1,39; 1 Studie; 6.977 Studienteilnehmer; niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Es zeigte sich keine Wirkung auf die Anzahl junger Frauen, die am Ende der Studie schwanger waren (RR 0,99; 95% KI 0,84 bis 1,16; 3 Studien; 8.280 Studienteilnehmer; moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz).

Materielle oder finanzielle Anreize zur Förderung der schulischen Anwesenheit

Zwei Studien untersuchten Anreizprogramme, um den Schulbesuch zu fördern.

In diesen beiden Studien hatten die Anreize keinen nachweisbaren Effekt auf die HIV Prävalenz (RR 1,23; 95% KI 0,51 bis 2,96; 2 Studien; 3.805 Studienteilnehmer; niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Im Vergleich zur Kontrollgruppe war die Prävalenz von Herpes-simplex-Virusinfektionen bei jungen Frauen, die einen monatlichen finanziellen Anreiz erhielten, um die Schule weiter zu besuchen, niedriger (RR 0,30; 95% KI 0,11 bis 0,85); aber dieser Effekt war nicht bei Jugendlichen nachweisbar, die kostenlose Schuluniformen erhielten (Daten nicht gepoolt; 2 Studien; 7.229 Studienteilnehmer; sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Eine Studie untersuchte den Effekt auf Syphilis, allerdings war die Prävalenz zu niedrig, um Effekte sicher zu erkennen oder auszuschließen (RR 0,41; 95% KI 0,05 bis 3,27; 1 Studie; 1.291 Studienteilnehmer; sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Trotzdem waren in der Gruppe junger Frauen, die eine Anreizform erhielten, am Ende der Studie weniger schwanger (RR 0,76; 95% KI 0,58 bis 0,99; 2 Studien; 4.200 Studienteilnehmer; niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz).

Kombinierte Bildungs- und Anreizprogramme

Die einzige Studie, bei der kostenlose Schuluniformen bewertet wurden, umfasste auch einen Versuchsarm, in dem die Teilnehmer sowohl Uniformen als auch ein Programm zur sexuellen und reproduktiven Aufklärung erhielten. In diesem Studienarm wurde die Herpes-simplex-Virusinfektionsrate reduziert (RR 0,82; 95% KI 0,68 bis 0,99; 1 Studie; 5.899 Studienteilnehmer; niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz), vorrangig bei jungen Frauen, allerdings konnte kein Effekt auf HIV oder Schwangerschaft gezeigt werden (niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz).

Übersetzung: 

Abstract: S. Schmidt, PLS: A. Wenzel, freigegeben durch Cochrane Deutschland.

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