Impfstoffe zur Vorbeugung gegen Grippe bei Erwachsenen

Fragestellung

Wir untersuchten den Einfluss der Immunisierung mit Grippe-Impfstoffen auf die Vorbeugung gegen Infektionen mit Influenza A oder B (Wirkung), grippeähnliche Erkrankungen (influenza-like illness - ILI) und ihre Folgen (Alltagswirksamkeit) und ermittelten, ob eine Exposition gegenüber Grippe-Impfstoffen zu ernsten oder schweren Schädigungen führt. Die Zielpopulationen waren gesunde Erwachsene, einschließlich Schwangere, und Neugeborene.

Hintergrund

Über 200 Viren verursachen Grippe und grippeähnliche Erkrankungen mit denselben Symptomen (Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Schmerzen, Husten und Nasenausfluss). Ohne Labortest können Ärzte nicht zwischen den Erkrankungen unterscheiden, da beide Varianten mehrere Tage andauern und in seltenen Fällen zu schweren Erkrankungen oder zum Tod führen. Die Impfstoffe wirken bestenfalls gegen Influenza A und B, die rund 10 % aller verbreiteten Viren ausmachen. Die Weltgesundheitsorganisation bestimmt jedes Jahr, welche Virenstämme in die Impfungen für die nächste Saison aufzunehmen sind.

Totimpfstoffe werden mithilfe eines speziellen chemischen Wirkstoffs präpariert, der den Virus „abtötet“. Das fertige Präparat kann entweder die vollständigen Viren (Ganzvirusimpfstoff) oder ihren aktiven Teil (Spaltvakzine bzw. Untereinheitimpfstoffe) enthalten. Impfstoffe dieser Art werden normalerweise intramuskulär (parenteraler Weg) verabreicht.

Bei der Herstellung von abgeschwächten Lebendimpfstoffen werden die Grippeviren in einer Serie von Zellkulturen oder tierischen Embryonen angezüchtet. Mit jeder Passage verlieren die Viren ihre Fähigkeit, sich in menschlichen Zellen zu vermehren, können aber immer noch das Immunsystem stimulieren. Abgeschwächte Lebendimpfstoffe werden als Nasenspray verabreicht (intranasaler Weg).

Die in dem Impfstoff enthaltenen Virusstämme sind normalerweise diejenigen, von denen gemäß den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation erwartet wird, dass sie in den folgenden Grippesaisons im Umlauf sein werden (zwei Stämme vom Typ A und ein Stamm vom Typ B).

Der pandemische Impfstoff enthält nur den Virusstamm, der für die Pandemie verantwortlich ist (in der Pandemie von 2009/2010 war dies z. B. der Typ A H1N1).

Studienmerkmale

Die Evidenz ist auf dem Stand von Mai 2013. In dieser Aktualisierung wurde die Wirkung der Grippe-Impfung in 90 Berichten von 116 Studien mit Placebo bzw. keiner Behandlung verglichen. Bei 69 Berichten handelte es sich um klinische Studien (über 70.000 Personen), 27 waren vergleichende Kohortenstudien (rund 8 Millionen Personen) und 20 waren Fall-Kontroll-Studien (beinahe 25.000 Personen). Von den 116 Studien wurden 23 (drei Fall-Kontroll-Studien und 20 Kohortenstudien) während der Schwangerschaft durchgeführt (rund 1,6 Millionen Mutter-Kind-Paare).

Hauptergebnisse

Die vorbeugende Wirkung von parenteral verabreichten Totimpfstoffen bei gesunden Erwachsenen ist gering: Mindestens 40 Personen müssten geimpft werden, um einen Fall einer grippeähnlichen Erkrankung zu vermeiden (95%-Konfidenzintervall (KI) 26 bis 128) und 71 Personen, um einen Fall von Grippe zu verhindern (95%-KI 64 bis 80). Die Impfung zeigt keinen nennenswerten Einfluss auf Arbeitsausfall- oder Krankenhausaufenthaltstage.

Der Schutz gegen grippeähnliche Erkrankungen, den schwangere Frauen mit der Verabreichung eines deaktivierten Grippeimpfstoffs erhalten, ist unsicher oder zumindest sehr begrenzt; die Wirkung auf ihr Neugeborenes ist statistisch nicht signifikant.

Die Alltagswirksamkeit von Lebendimpfstoffen in Sprayform für gesunde Erwachsene ist mit der von Totimpfstoffen vergleichbar: 49 Personen (95%-KI 29 bis 115) müssten geimpft werden, um einen Fall einer grippeähnlichen Erkrankung zu verhindern.

Es besteht kein Zusammenhang zwischen der Anwendung von saisonalen deaktivierten Grippeimpfstoffen und dem Auftreten von multipler Sklerose, optischer Neuritis (Entzündung des Sehnervs des Auges) oder einer idiopathischen thrombozytopenischen Purpura (eine Krankheit, die die Blutplättchen angreift). Es besteht kein Zusammenhang zwischen der Anwendung eines pandemischen monovalenten H1N1-Totimpfstoffs und dem Guillain-Barré-Syndrom (eine Krankheit, die die Nerven in den Gliedmaßen und im Rumpf angreift).

Die Evidenz legt nahe, dass weder die Anwendung von saisonalen noch die von pandemischen Impfstoffen im Jahr 2009 in der Schwangerschaft einen signifikanten Einfluss auf Schwangerschaftsabgänge oder neonatale Todesfälle haben.

Qualität der Evidenz

Der tatsächliche Einfluss von Verzerrungen (Bias) (z. B. unzureichende Angaben zur Berichterstattung, sehr unterschiedliche Werte bei den untersuchten Items) konnte für rund 70 % der eingeschlossenen Studien nicht festgestellt werden. Bei rund 20 % der eingeschlossenen Studien (hauptsächlich Kohortenstudien) bestand ein hohes Risiko für Bias. Knapp 10 % waren von guter methodologischer Qualität.

Übersetzung: 

Koordination durch Cochrane Schweiz

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