Antibiotika gegen akute Mittelohrentzündung bei Kindern

Review-Fragen

In diesem Review wurden 1. die klinische Wirksamkeit und Sicherheit von Antibiotika bei Kindern mit akuter Mittelohrentzündung im Vergleich zu einem Placebo und 2. die klinische Wirksamkeit und Sicherheit von Antibiotika mit abwartender Beobachtung (Beobachtung, bei der Arzneimittel verschrieben werden können oder nicht) bei Kindern mit akuter Mittelohrentzündung verglichen.

Hintergrund

Die akute Mittelohrentzündung ist eine der am weitesten verbreiteten Infektionen im Säuglings- und Kindesalter. Sie verursacht Schmerzen und allgemeine Krankheitssymptome wie Fieber, Reizbarkeit sowie Ess- und Schlafprobleme. Im Alter von drei Jahren haben die meisten Kinder mindestens eine akute Mittelohrentzündung hinter sich. Obgleich die akute Mittelohrentzündung in der Regel ohne Behandlung vorbeigeht, wird sie oft mit Antibiotika behandelt.

Studienmerkmale

Die Evidenz dieses Reviews ist auf dem Stand vom 26. April 2015.

Für den Review für Antibiotika im Vergleich zu Placebo schlossen wir 13 Studien (3401 Kinder im Alter zwischen zwei Monaten und 15 Jahren) aus einkommensstarken Ländern mit allgemein geringem Biasrisiko ein. Drei Studien wurden in allgemeinmedizinischen Praxen, sechs in der ambulanten Sprechstunde von Krankenhäusern und vier in beiden Kontexten durchgeführt.

Für den Review über Antibiotika im Vergleich zur abwartenden Beobachtung kamen fünf Studien (1149 Kinder) aus einkommensstarken Ländern mit geringem bis moderatem Biasrisiko in Frage. Zwei Studien wurden in allgemeinmedizinischen Praxen und drei in der ambulanten Sprechstunde von Krankenhäusern durchgeführt. Vier Studien (1007 Kinder) berichteten über Endpunktdaten, die für diesen Review verwendbar waren.

Hauptergebnisse

Wir stellten fest, dass Antibiotika bei den meisten Kindern mit akuter Mittelohrentzündung nicht sehr nützlich sind. Mit Antibiotika konnte die Anzahl der Kinder mit Schmerzen nach 24 Stunden nicht verringert werden (als es 60% der Kinder ohnehin besser ging), nur die Anzahl der Kinder mit Schmerzen ging in den darauffolgenden Tagen leicht zurück. Im Vergleich zum Placebo verringerte sich durch den Einsatz von Antibiotika auch nicht die Anzahl der Kinder nach drei Monaten mit Hörverlust (der mehrere Wochen andauern kann) und mit einem späten Rückfall der Mittelohrentzündung. Allerdings konnte durch Antibiotika im Vergleich zum Placebo die Anzahl der Kinder mit Trommelfellperforation und Episoden von Mittelohrentzündungen in dem ursprünglich nicht betroffenen Ohr leicht verringert werden. Die Ergebnisse aus einer Meta-Analyse individueller Patientendaten mit Daten aus sechs Studien von hoher Qualität (1643 Kinder), die auch als individuelle Studien in unseren Review eingeschlossen wurden, zeigten, dass Antibiotika für Kinder unter 2 Jahren mit Infektionen in beiden Ohren und für Kinder mit Mittelohrentzündung und Ohrenlaufen am vorteilhaftesten sind.

Wir konnten keinen Unterschied zwischen sofortiger Gabe von Antibiotika und abwartender Beobachtung in Bezug auf die Anzahl der Kinder feststellen, die 3 bis 7 Tage bzw. 11 bis 14 Tage nach der Diagnose Schmerzen hatten. Ferner wurden keine Unterschiede bei der Anzahl Kinder mit Hörverlust nach vier Wochen, Trommelfellperforationen und späten Rückfällen zwischen den Gruppen beobachtet.

Es lagen keine ausreichenden Angaben für die Erkenntnis vor, dass Antibiotika seltene Komplikationen wie Mastoiditis (Infektion der Knochen rund um das Ohr) verringern. Alle in diesen Review eingeschlossenen Studien stammen aus einkommensstarken Ländern. Es mangelt an Daten aus Populationen, in denen eine höhere Inzidenz von akuter Mittelohrentzündung und ein höheres Risiko für die Entwicklung einer Mastoiditis besteht.

Antibiotika verursachen unerwünschte Wirkungen wie Durchfall, Erbrechen und Hautausschlag und können auch die Antibiotikaresistenz in der Gemeinschaft erhöhen. Es ist schwierig, den geringen Nutzen gegen die geringe Schädlichkeit von Antibiotika bei Kindern mit akuter Mittelohrentzündung gegeneinander aufzuwiegen. Für die meisten Kinder mit einer milden Krankheitsform in einkommensstarken Ländern erscheint eine abwartende Beobachtung jedoch gerechtfertigt.

Qualität der Evidenz

Wir beurteilten die Qualität der Evidenz für die meisten Endpunkte in dem Review über Antibiotika im Vergleich zu Placebo als hoch (demnach ist es sehr unwahrscheinlich, dass die weitere Forschung unser Vertrauen in die Effektschätzung verändert).

Für den Review zur sofortiger Gabe von Antibiotika im Vergleich zu abwartender Beobachtung beurteilten wir die Qualität der Evidenz für die meisten Endpunkte als moderat (demnach ist es wahrscheinlich, dass die künftige Forschung unser Vertrauen in die Ergebnisse beeinflussen und diese Ergebnisse verändern wird). Die Qualität wurde durch Bedenken hinsichtlich der Stichprobengröße (Trommelfellperforation, seltene Komplikationen) und der hohen Anzahl Kinder beeinträchtigt, die für die Nachbeobachtung nicht zur Verfügung standen (Schmerzen an den Tagen 11 bis 14, Hörverlust nach vier Wochen und späte Rückfälle von akuten Mittelohrentzündungen).

Übersetzung: 

Koordination durch Cochrane Schweiz

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